Nachdem ich mich im ersten Teil meines Gespr├Ąchs mit Trudi Canavan ├╝ber ihr aktuelles Buch Sonea – Die Heilerin unterhalten habe, geht es heute um die Hintergr├╝nde ihrer Welten und die Fantasy-Szene in Australien. Am Ende hat Trudi dann nat├╝rlich auch noch ein paar Buchtipps f├╝r euch. Viel Spa├č!

Die Welt von Kyralia war mittlerweile Schauplatz von sechs Romanen. Wie entwickeln Sie die Hintergrundinformationen f├╝r Ihre Welten?

Als ich die Gilde der schwarzen Magier geschrieben habe, habe ich mir ein Jugendbuch ├╝ber die mittelalterliche japanische Kultur hergenommen und alle ├ťberschriften abgeschrieben: Essen, Milit├Ąr, Kleidung und so weiter und habe mir dann all die interessanten Sachen ausgedacht, auch wenn ich dann das meiste nicht verwendet habe. Wie bei einem Eisberg, bei dem nur die Spitze zu sehen ist. Dabei habe ich dann auch gelernt, wie ich zeigen kann, dass dieser Eisberg auch unter Wasser existiert, ohne das wirklich auszuformulieren. Das sind dann viele kleine Details, die den Eindruck erwecken, dass da noch mehr hintersteckt. Ich bin da aber auch effizienter geworden und muss jetzt auch nicht mehr so gro├če Hintergrund-Dokumente erstellen.

Geh├Âren da dann auch die Zeichnungen und Karten zu, die es auf Ihrer Homepage zu sehen gibt?

Ja, das ist auch ein Teil des Weltenbaus. Ich bin auch eine ehemalige Kartografin. Ich habe f├╝r Loney Planet Publications gearbeitet, wo ich Illustrationen und Karten gemacht habe. Da habe ich das gelernt. Ich liebe es, Karten zu zeichnen und besonders die Karten in dieser Serie. Es gibt zum Beispiel eine topografische Karte des Gel├Ąndes der Gilde. In der Ecke steht dann „Diese Karte ist Eigentum der Bibliothek der Magier und darf nicht entfernt werden“. Das scheint dann so als w├Ąre das eine echte Karte aus dem Buch. F├╝r die Karte aus Das Zeitalter der F├╝nf habe ich zwei Tonst├╝cke genommen, sie aufeinander geschoben, Berge geformt, Wasser dar├╝ber laufen gelassen und die Fl├╝sse nachgezeichet. Das hat mir dann einen halbwegs guten Eindruck gegeben, wie sich die Platten bewegen. Als ich die Reihe dann geschrieben habe, habe ich die Karte dann aber doch ein wenig ver├Ąndert, damit sie auch zur Handlung passt. Skizzen von R├Ąumen und Karten helfen mir aber auch konkret beim Schreiben. Dann wei├č ich immer genau, wo meine Figuren gerade sind.

Was zeichnet f├╝r Sie australische Fantasy gegen├╝ber amerikanischer oder britischer aus?

Das ist wohl so etwas, das man erst wirklich bemerkt, wenn man au├čerhalb des Landes ist. Gerade auf der aktuellen Tour sind mir da ein paar Dinge aufgefallen, die mir vorher noch nicht so klar waren: Eine Sache ist, dass im Internet diskutiert wurde, dass Fantasy in Amerika und Gro├čbritannien in erster Linie von M├Ąnnern geschrieben, von M├Ąnnern rezensiert und wohl auch von M├Ąnnern gelesen wird. In Australien hat das jeden, mit dem ich gesprochen habe, verwundert. Weil das bei uns ├╝berwiegend weibliche Autorinnen sind und auch die allgemeine Meinung herrscht, dass Frauen eher Fantasy lesen und M├Ąnner eher Science-Fiction. Das stimmt zwar nicht so ganz, aber trotzdem haben wir eben wesentlich mehr weibliche Fantasy-Autoren. In Polen habe ich dann herausgefunden, dass meine B├╝cher dort ein lange gehegtes Vorurteil durchbrochen haben, dass Fantasy nur von M├Ąnnern f├╝r M├Ąnner geschrieben wird. Mein Verlag hat dort einfach genau den richtigen Zeitpunkt getroffen und mir eine riesige weibliche Leserschaft gesichert. Frauen, die vorher keine Fantasy-Romane gelesen haben und sie wegen meiner B├╝cher jetzt lesen. Das freut mich nat├╝rlich sehr. Ich hoffe nur, dass sie auch weiterhin m├Âglichst viele gute Fantasy-B├╝cher lesen.

Gibt es denn innerhalb der Geschichten etwas typisch australisches?

Ich w├╝sste nicht. Ich glaube, das ist von Innen schwer zu sehen. Das k├Ânnen wohl nur Leser aus anderen L├Ąndern, wenn es da tats├Ąchlich einen Unterschied gibt. Da ist die Spannbreite einfach riesig: traditionelle Fantasy, Quest-Romane, brutale Fantasy, romantische Fantasy. Vielleicht ist es sogar diese Vielzahl an unterschiedlichen Romanen, die einen Unterschied ausmacht. Zumindest f├╝r einen solch kleinen Markt ist das bemerkenswert. Gerade weil Verlage lieber sichere Entscheidungen treffen.

Also ist es nicht so, dass B├╝cher australischer Autoren auch quasi automatisch in den USA und Gro├čbritannien ver├Âffentlicht werden?

Nein. Auch wenn die Verlage mittlerweile sehr gerne weltweite Rechte einkaufen hei├čt das nicht, dass sie die B├╝cher dann letztendlich auch im Ausland ver├Âffentlichen. Eine Freundin von mir, die Science-Fiction schreibt, wird sogar in Australien nicht ver├Âffentlicht, obwohl sie dort lebt. Also wenn ihre Freunde ihre B├╝cher kaufen wollen, k├Ânnen sie das nicht. Per Versand aus dem Ausland geht das nat├╝rlich, aber nicht mal einfach so im Laden. Normalerweise fangen wir aber in Australien an und breiten uns dann erst aus. Das ist dann sogar ein Vorteil, weil wir in die lokale Verlagslandschaft leichter reinkommen als in den USA oder Gro├čbritannien – nicht, dass das jemals einfach w├Ąre. Mit guten Verkaufszahlen dort k├Ânnen wir dann nat├╝rlich beweisen, dass wir gut sind und haben dann auch international einen Vorteil.

Jetzt ist Australien ja von Deutschland doch ein ganzes St├╝ck entfernt und bei vielen meiner Leser vielleicht gar nicht so auf dem Schirm. Wer w├╝rden Sie sagen, sind die jungen bzw. neuen Autoren auf die wir ein Auge haben sollten?

Da k├Ânnte ich jetzt Stunden dr├╝ber reden. Da ist es eine Autorin, von der vor zehn Jahren gesagt habe, dass sie eines Tages eine fantastische Fantasy-Reihe schreiben w├╝rde, Alison Goodman. Ihre B├╝cher hei├čen in unterschiedlich in unterschiedlichen L├Ąndern, aber ich glaube, das erste war Eon (Amazon) und das zweite Eona (Amazon). Wenn Ihnen Charlaine Harris gef├Ąllt, gibt es da noch sehr sexy und in der modernen Zeit angesiedelte Fantasy von einer Freundin von mir, Nicole Murphy (Homepage). Sie hat ein Buch geschrieben, dass nichts mit Vampiren, Werw├Âlfen oder so zu tun hat, sondern auf keltischer Magie beruht. Da gibt es dann Figuren, die sich zwischen Irland und Australien bewegen. Sehr interessant. Dann gibt es noch eine neue Autorin Joan Anderton, die bei Angry Robot Books ver├Âffentlich hat – ├╝berhaupt ein Verlag, der sehr viele autralische Autoren verlegt und eher ungew├Âhnliche Fantasy ver├Âffentlicht. Als ich f├╝r ihr Buch Debris (Amazon) einen Blurb schreiben sollte war ich etwas nerv├Âs, wie immer wenn ich ein Buch von Freunden bewerten soll, denn was ist, wenn es mir nicht gef├Ąllt? Aber das war ein gro├čartiges Buch! Irgendwie eine Kreuzung zwischen Blade Runner und X-Men.

Das klingt so, als sollte ich es unbedingt lesen.

Aber es ist Fantasy. Es spielt in einer gro├čen Stadt, in der die Magier mit kleinen Artefakten Dinge herstellen. Aber nat├╝rlich gibt es dabei auch eine dunkle Seite. Auf jeden Fall ein sehr gutes Buch.

Und welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch

Mistification (Amazon) von Kaaron Warren, eine schr├Ąge Geschichte irgendwo zwischen magischem Realismus und Urban Fantasy mit leichem Horroreinschlag. Schwer zu beschreiben. Halt noch ein Buch, das Angry Robot herausgegeben hat. Vielleicht sogar ein wenig wie eine weibliche China Mi├ęville, nur mit k├╝rzeren B├╝chern. Es ist ├╝ber einen Jungen, der anscheinend keine Vergangenheit hat und in einem versteckten Zimmer aufgewachsen ist, nachdem alle Anderen in seinem Waisenaus umgebracht wurden. Er wird von seiner Gro├čmutter aufgezogen und als er schlie├člich entkommt, wird er zu einem echten Magier. Das ist schon sehr lustig, wenn die Menschen um ihn herum skeptisch sind und denken, hinter seine Tricks kommen zu k├Ânnen und dann irgendwann bemerken, dass es keine Tricks sind und er wirklich zaubern kann. In dem Buch werden auch viele folkloristische Geschichten erz├Ąhlt und Hausmittelchen und Essensrezepte vorgestellt – beispielsweise wie man vor 300 Jahren versucht hat, Epilepsie zu heilen. Es gibt sogar einen Glossar am Ende des Buchs mit den Rezepten und Hausmittelchen.

K├Ânnen Sie mir zum Abschluss noch Ihr Lieblingsbuch der letzten f├╝nf Jahre verraten?

N.K Jemisin ist eine meiner Lieblingsautorinnen im Moment. Ich habe sie auf dem Imaginales-Festival in Frankreich getroffen und sie ist auch eine gro├čartige Person. Ich sa├č dann manchmal da und habe die Leute angefeuert, wenn sie ihre B├╝cher angeschaut haben: „Kauf das. Es ist wirklich gut!“ Ihre beiden B├╝cher habe ich wirklich genossen und freue mich auf das dritte.

Trudi Canavan, herzlichen Dank f├╝r das Gespr├Ąch.

We must go tell our version of it now. Today. When the court goes to bed tonight, itÔÇÖs our story they have to whisper to their pillows. Wait until opinion is set, and it will be a hundred times harder to change.

The Dragon's Path

, Teil 1

(Orbit 2011, 592 Seiten, 9780316080682)

  • Wirtschaftsleben in einem klassischen Fantasy-Setting
  • Extrem realistisch wirkende Welt
  • Starke Charaktere

Epische Fantasy spielt normalerweise in einer Welt, die an unser Mittelalter angelehnt ist und auch Daniel Abraham greift im ersten Buch seines neuen Zyklus The Dagger and the Coin viele klassische Elemente auf: L├Ąnder, die von K├Ânigen regiert werden, Kriege um deren Nachfolge, Intrigen innerhalb des Adels und ein junger Thronfolger. Daneben bindet Abraham jedoch auch ein Thema ein, das mir in dieser Form noch nicht einem Fantasy-Roman untergekommen ist: das Bankwesen. So ist die junge Cithrin eine der Hauptfiguren, die das Verm├Âgen einer Bank vor der nahenden Invasionsarmee aus der Stadt Vanai herausschmuggeln soll. Selbstverst├Ąndlich erreicht sie ihr Ziel nicht, sie findet jedoch eine clevere aber riskante M├Âglichkeit, das Geld f├╝r die Bank zu sichern.

Abraham erz├Ąhlt die Geschichte seiner Welt aus der Perspektive von vier Figuren: der Waisen Cithrin und des S├Âldners Marcus Wester auf der einen Seite, sowie Dawson Kalliams, eines Adeligen des K├Ânigreichs Antea, und Geder Palliakos, eines etwas einf├Ąltigen Adeligen, Soldaten und Armeef├╝hrers auf der anderen. Beide Handlungsstr├Ąnge entwickeln sich parallel zueinander, vermischen sich jedoch nur an wenigen Stellen. Trotzdem wirken sich die Ereignisse des einen Handlungsstrangs immer wieder auf den anderen aus: insbesondere der anteanische Feldzug gegen die freie Stadt Vanai spielt hier eine wichtige verkn├╝pfende Rolle. Gegen Ende driften beide Str├Ąnge dann jedoch ein wenig auseinander.

The Dragon’s Path hat mir au├čerordentlich gut gefallen. Scheint es auf den ersten Blick klassische epische Fantasy zu sein, bringt der Wirtschaftsaspekt eine ganz neue Seite zum Vorschein. Zudem gelingt es Abraham auf hervorragende Weise, die Welt zum Leben zu erwecken, sodass man phasenweise eher das Gef├╝hl hat, einen historischen Roman zu lesen, als eine Fantasy-Geschichte. Gerade die politischen Intrigen und wirtschaftlichen ├ťberlegungen wirken, als w├Ąren sie geradewege der Geschichte entnommen. Sie werden pr├Ązise beobachtet und ├Ąu├čerst spannend beschrieben. Auch die Figuren wirken in jeder Situation glaubw├╝rdig und scharf gezeichnet. Lediglich Cithrin scheint mir ein wenig zu schnell zwischen versch├╝chtertem M├Ądchen und tougher Gesch├Ąftsfrau hin und her zu wechseln.

F├╝r alle, die den Roman schon gelesen haben und bis zum zweiten Teil die Handlung nicht vergessen wollen, habe ich den Handlungsverlauf von The Dragon’s Path mal in einem Diagramm zusammengefasst (Achtung: Spoiler!).

Im Rahmen ihrer Lesetour durch Deutschland im Juni hatte ich die Gelegenheit, mich mit der autralischen Autorin Trudi Canavan ├╝ber ihre B├╝cher und australische Fantasy zu unterhalten. Hier ist der erste Teil unseres Gespr├Ąchs:

In Interviews erz├Ąhlen Sie gerne die Geschichte, wie Sie ein Bericht ├╝ber die Olympischen Spiele in Barcelona 1992 zu Ihrer ersten Trilogie Die Gilde der schwarzen Magier inspiriert hat. Was war der Ausl├Âser f├╝r den aktuellen Zyklus?

Als ich Die Gilde der schwarzen Magier fertig geschrieben habe, hatte ich zehn Jahre daran gearbeitet: Von der Olympiade 1992 bis ich 2002 das dritte Buch mit den letzten Korrekturen an den Verlag gesandt habe. Danach war ich diese Welt und diese B├╝cher erstmal leid. Ich wollte auch die Figuren nicht mehr sehen und habe geschworen, niemals wieder ├╝ber Kyralia zu schreiben. Aber ich hatte mir schon eine kleine Idee f├╝r einen m├Âglichen Nachfolger notiert und den Gedanken, dass der sachakanische Krieg und die Entstehung der Gilde wirklich gute Themen f├╝r einen Roman bieten w├╝rden. Nachdem ich dann vier oder f├╝nf Jahre an Das Zeitalter der F├╝nf gearbeitet hatte, fand ich den Gedanken, nach Kyralia zur├╝ckzukehren nicht mehr so schlimm und hatte eine andere Idee f├╝r eine neue Reihe, die aber noch nicht ausgereift genug war. Dann habe ich mir nochmal die Ideen f├╝r den Vorg├Ąnger und den Nachfolger von Die Gilde der schwarzen Magier angeschaut und mich entschieden, die auszubauen. Den Verlagen hat diese Idee dann sehr gut gefallen.

Was war denn diese erste Idee?

Es war die Idee der Verr├Ąter-Gemeinde und von Savara, die Cery besucht – zwar aus Sachaka, aber aus einer anderen, geheimen Gesellschaft. Das war nicht nicht sonderlich ausgearbeitet – so lebten sie beispielsweise noch nicht in den Bergen. Sie waren auch noch keine weiblich dominierte Gesellschaft, das kam erst als ich ein paar B├╝cher mit weiblich dominierten Gesellschaften gelesen hatte, zum Beispiel von Alistair Reynolds. Das ist f├╝r mich auch weder eine utopische noch eine dystopische Idee. Es w├╝rde nicht perfekt funktionieren, denn jede Gesellschaft, jedes politische System, jede Kultur hat M├Ąngel. Das macht sie ja ├╝berhaupt erst interessant. F├╝r den Vorg├Ąnger hatte ich schon einen gro├čen Teil der Geschichte im Kopf und habe dann gemerkt, dass es nicht f├╝r drei B├╝cher reichen w├╝rde, wohl aber f├╝r ein dickes.

Beim Lesen Ihrer B├╝cher hatte ich das Gef├╝hl, dass Ihre erste Reihe eher auf j├╝ngere Leser abgezielt hat und erst die anschlie├čenden auf ein ├Ąlteres Publikum. Steckte da ein Plan hinter?

Ich habe damals auf keinen bestimmten Markt gezielt, bin aber nicht auf die Idee gekommen, dass man die B├╝cher auch als YA einordnen k├Ânnte. Aber als mein britischer Verlag eine YA-Ausgabe herausgegeben hat, war das vollkommen logisch. Da habe ich dann auch gemerkt, dass einige der Dinge, die ich geschrieben hatte, diesen Schluss nahelegen: Ich hatte zum Beispiel keine Sex-Szenen in den B├╝chern, in erster Linie weil ich mir nicht sicher war, dass ich sie gut h├Ątte schreiben k├Ânnen. Dann wird das automatisch wesentlich zug├Ąnglicher f├╝r j├╝ngere Leser. Und dann gab es auch noch eine junge Hauptfigur. Ich habe dann entschieden, dass die n├Ąchste Serie eher f├╝r ├Ąltere Leser sein wird. Ich habe mir dann ├╝berlegt, was ich daf├╝r tun muss und als erstes eine ├Ąltere Hauptfigur genommen, Auraya ist Mitte zwanzig. Dann wollte ich noch einfach ein wenig Sex, Drogen und Gewalt einbauen. Mittlerweile muss man aber so unglaublich brutal sein, um j├╝ngere Leser abzuschrecken, dass ich das dann noch nicht gemacht habe. Drogen hingegen w├╝rden das Buch zu einem Problembuch machen, was ich auch nicht wollte. Da blieb dann nur noch Sex und so habe ich in jedes der drei B├╝cher eine Sex-Szene eingebaut. Nicht besonders detaillierte Szenen, aber sie waren da. Wenn Eltern wissen wollen, ob das Buch f├╝r ihre Kinder geeignet ist, sollen sie dann einfach den Anfang von Kapitel 20 des ersten Buches lesen und k├Ânnen das dann selbst einsch├Ątzen.

Ist das auch der Grund f├╝r die auffallend vielen homosexuellen Figuren in Sonea – Die Heilerin?

Nicht wirklich. Ich musste nat├╝rlich Dannyl als bereits bekannte schwule Figur wieder in die Handlung einbeziehen und um ihn in einen Konflikt zu st├╝rzen, brauchte ich mehr schwule Figuren: Das ist auf der einen Seite sein Ex und dann eine neue Figur – und schon haben wir diese interessante Dreiecksgeschichte. Dann haben mich im Laufe der Zeit viele Leser gefragt, warum es denn keine lesbischen Figuren gebe und ich hab mir gedacht „warum nicht?“. Als ich dann eine gute Idee f├╝r eine entsprechende Handlung hatte, habe ich das eingebaut und so hat gerade dieses Buch eine recht gro├če Zahl von solchen Figuren. Ich habe darauf auch schon einige spannende Reaktionen bekommen: Einigen Lesern f├Ąllt das ├╝berhaupt nicht auf, w├Ąhrend andere mich fragten, ob ich das wirklich machen wollte. Ich habe mir das dann nochmal angeschaut und gesehen, dass ich es nicht ├╝bertrieben habe. Im n├Ąchsten Buch wird Lilia auch nicht mehr eine so gro├če Rolle spielen, weil ihre Handlungslinie jetzt weitestgehend abgeschlossen ist. Denn ich vermeide es eigentlich, ein Thema aufzugreifen, nur um das Thema aufzugreifen. F├╝r mich war es an dieser Stelle besonders wichtig, es bewusst nicht gro├č zu thematisieren („the point was to not make a point“). Es sollte einfach ein Teil der Welt sein. Wenn die Magie in der Welt zu real wie nur m├Âglich erscheinen soll, muss auch alles andere in der Welt m├Âglichst real erscheinen.

Im zweiten Teil spreche ich mit Trudi Canavan dar├╝ber, wie sie den Hintergrund ihrer Welten entwickelt und die australische Fantasy-Landschaft – nat├╝rlich mit einigen spannenden Buchtipps.

"Wenn man in einem abst├╝rzenden Flugzeug sitzt, n├╝tzt Anschnallen auch nichts mehr, Herr Komatsu." "Aber es beruhigt."

1Q84 (ichi ky┼ź hachi yon)

, Teil 1

(Dumont 2010, 1021 Seiten, 9783832195878)

  • Typischer Murakami
  • Unsere Welt, (fast) wie wir sie kennen
  • Lang, aber keineswegs weilig

So einfach kann’s gehen: Da geht man nichts ahnend eine Rettungstreppe von der Stadtautobahn herunter und befindet sich pl├Âtzlich in einer anderen Welt wieder. Auf den ersten Blick erkennt man den Unterschied zwar nicht, doch die Polizisten sind auf einmal schwer bewaffnet und am der Mond am Himmel hat einen gr├╝nlich schimmernden Zwilling bekommen. Gleichzeitig bekommt der talentierte Schriftsteller Tengo ein Manuskript von seinem Verleger, das ihn nahezu magisch anzieht. Es ist die Geschichte einer blinden Ziege, den „little people“ und der Puppe aus Luft – erz├Ąhlt von einer wortkargen und emotionslosen Siebzehnj├Ąhrigen.

Die Kurzbeschreibung verr├Ąt schon, dass 1Q84 mal wieder ein typischer Murakami ist: schr├Ąge Figuren und das Unwirkliche, das in ihren Alltag eindringt, sind seit jeher das Metier des japanischen Autors. Er nimmt sich Menschen, die zumeist einsam am Rand der Gesellschaft stehen, und schickt sie von einer Merkw├╝rdigkeit in die n├Ąchste. Dabei fragt man sich immer wieder, welchen Sinn das eigentlich haben soll, was Murakami hier gerade verzapft und bleibt dann doch wie gefesselt an den Seiten h├Ąngen. Dabei ist sein Schreibstil eigentlich weder besonders einnehmend noch spannungsgeladen oder emotional. Sachlich, n├╝chtern und mit einem hintergr├╝ndigen Humor schildert er die seltsamsten Gegebenheiten. Auch seine Figuren nehmen die Merkw├╝rdigkeiten um sich herum erstaunlich gelassen hin und arrangieren sich mit ihnen. Als Leser stockte ich immer wieder ├╝berrascht ├╝ber die Gleichm├╝tigkeit, die die Figuren dem Zusammenbrechen ihrer Welt entgegenbringen.

Da diese Ausgabe nur den ersten und den zweiten Teil einer Trilogie enth├Ąlt, f├Ąllt das Ende entsprechend offen aus.

Nach einer alten sachakanischen Tradition, an deren Ursprung sich niemand mehr erinnern konnte, galt der Aspekt des Sommers als m├Ąnnlich, der des Winters als weiblich.

Sonea ÔÇô Die Heilerin (The Rogue)

, Teil 2

(Penhaligon 2011, 573 Seiten, 9783764530426)

  • Lebendige und gut ausgestaltete Welt
  • Schnell und schn├Ârkellos, aber manchmal etwas oberfl├Ąchlich
  • F├╝r Kenner der Serie recht vorhersehbar und ohne gro├če ├ťberraschungen

Die Welt von Kyralia kennen wir aus den B├╝chern von Trudi Canavan schon seit einigen Jahren: Mit der Trilogie Die Gilde der schwarzen Magier, der Vorgeschichte in Magie und dem aktuellen Sonea-Zyklus hat die australische Autorin sicherlich eine der aktuell bekanntesten und beliebtesten Fantasy-Welten geschaffen. Auch ich habe mich dem Sog ihrer B├╝cher nicht verschlie├čen k├Ânnen und mich dementsprechend gefreut, als ich das Rezensionsexemplar zu Sonea – Die Heilerin im Briefkasten hatte. Dann hatte ich letzte Woche auch noch die Gelegenheit, Trudi Canavan nicht nur auf einer Lesung live zu erleben, sondern auch ein ausf├╝hrliches Interview mit ihr zu f├╝hren. Aber zu dem Interview komme ich sp├Ąter, jetzt geht es erstmal um ihr aktuelles Buch:

Keinen Leser des ersten Bandes wird es ├╝berraschen, dass Canavan die Handlung nahtlos fortsetzt. Sonea ist in Imardin immer noch auf der Jagd nach dem wilden Magier und Dieb Skellin und k├Ąmpft mit den Auswirkungen der beliebten Droge F├Ąule. Ihr Sohn Lorkin h├Ąlt sich w├Ąhrenddessen in der geheimen Heimat der abtr├╝nnigen Sachakaner in den Bergen auf und versucht, hinter das Geheimnis der magischen Steine zu kommen. Auch bei ihrem Erz├Ąhl- und Schreibstil bleibt sich Canavan treu: schnell und schn├Ârkellos, ohne sich mit langen Erkl├Ąrungen oder Beschreibungen aufzuhalten. Trotzdem habe ich die Welt schon immer als lebendig und glaubw├╝rdig empfunden – wahrscheinlich ein Resultat der vielen Arbeit, die sich die Autorin hinter den Kulissen mit ihrem Weltenbau macht.

Trotzdem habe ich so langsam das Gef├╝hl, dass sich die Welt Kyralia und der Stil Canavans in diesen B├╝chern so langsam ein wenig abnutzt. Man kennt die Figuren und die Welt mittlerweile so gut, dass viele Wendungen in der Handlung vorhersehbar werden. Auch rei├čt Canavan viele spannende Themen zwar an, arbeitet sie dann aber nicht wirklich auf. So b├Âten beispielsweise die moralischen Ambiguit├Ąten der Heilung mit Magie, das Spannungsverh├Ąltnis zwischen erlaubtem und verbotenen Wissen oder die in Kyralia anscheinend offen gelebte Homosexualit├Ąt viele spannende Ankn├╝pfungspunkte f├╝r Dialoge, Gedankenspiele oder Handlungsstr├Ąnge, die die Autorin jedoch nicht weiter verfolgt.

Dabei ist gerade die extrem hohe Anzahl von Figuren mit zumindest homosexuellen Tendenzen oder Gedanken f├╝r einen Fantasy-Roman sehr ungew├Âhnlich: vielleicht ein Drittel der zentralen Charaktere lebt diese an irgendeiner Stelle des Buches auch aus. Nicht, dass es mich st├Âren w├╝rde, es wird f├╝r mich damit jedoch zu einem wichtigen Element der Handlung, ├╝ber dessen gesellschaftlichen Kontext man leider zu wenig erf├Ąhrt. Nat├╝rlich habe ich die Autorin darauf in dem Interview auch angesprochen und sie wollte dies als Statement dar├╝ber verstanden wissen, dass Homosexualit├Ąt in Kyralia eben nicht gro├č thematisiert, sondern einfach gelebt wird. Die hohe Konzentration in ihrer Geschichte ergab sich daraus, dass sie einen als schwul eingef├╝hrten Charakter in eine Dreiecksgeschichte laufen lassen wollte und sich einige Leser beschwert h├Ątten, es g├Ąbe nur schwule und keine lesbischen Figuren.

Wie dem auch sei, Sonea – Die Heilerin ist ein weiterer lesenswerter Roman aus Australien und erweitert das Panorama der Welt Kyralia um einige spannende Aspekte.

Elinn konnte mit einem Raumanzug umgehen. Normalerweise. Niemand wurde auf dem Mars geboren und dreizehn Jahre alt, ohne mit einem Raumanzu umgehen zu k├Ânnen. Aber in diesem Moment hatte sie alles vergessen. Alle Vorsicht, und vor allem die Zeit die verging und ihren Sauerstoffvorrat verringerte.

Das ferne Leuchten

, Teil 1

(Bastei L├╝bbe 2004, 297 Seiten, 9783404243327)

  • TKKG im Weltall
  • Spannende Geschichte mit Anspruch (auch f├╝r Erwachsene)
  • Etwas oberfl├Ąchliche Charaktere
  • Handlung zum Ende hin etwas unlogisch

Da es wohl noch bis zum Herbst dauert, bis endlich der neue Roman von Andreas Eschbach erscheint, habe ich mir jetzt einfach mal seine Jugenbuchreihe Das Marsprojekt vorgenommen.

Deren erster Band Das blaue Leuchten handelt von den vier Jugendlichen, die auf einer irdischen Marssiedlung geboren wurden und aufgewachsen sind. Der staubige und kahle Planet ist ihre einzige Heimat und so sind sie ersch├╝ttert, als eine Nachricht von der Erde verk├╝ndet, die Siedlung werde geschlossen und die Sieder m├╝ssten zu Erde zur├╝ckkehren. Die Kinder wollen den Verlust ihrer Heimat jedoch nicht hinnehmen und versuchen, die Schlie├čung mit allen Mitteln zu verhindern. Als dann klar wird, dass eine von ihnen, Elinn, auf der Erde nicht ├╝berleben k├Ânnte, setzen sie alles auf eine Karte.

Das blaue Leuchen scheint nicht nur auf den ersten Blick ein wenig wie TKKG im Weltraum: Die vier Jugendlichen wollen sich nicht wie die Erwachsenen in ihr Schicksal ergeben, sondern ermitteln die Hintergr├╝nde der Schlie├čung der Siedlung und versuchen sie mit allen Mitteln zu verhindern. W├Ąhrend sich der ferne Gegner in der Figur des Stationsvorstehers materialisiert, stehen ihnen andere Erwachsene wie ein irdischer Journalist, ein Medizin-Nobelpreistr├Ąger und der Stationsarzt helfend zur Seite.

Die Erz├Ąhlung ist, wie von Eschbach nicht anders gewohnt, stringent und schnell. Dabei vergisst er aber nicht, der Handlung auch Anspruch und eine gewisse Tiefe zu verpassen. Leider bleibt die Schilderung der Figuren – ihrer Gef├╝hle und Gedanken – ein wenig auf der Strecke. Untypischerweise wird auch die Handlung gegen Ende des Romans ein wenig unlogisch, hier h├Ątte ich mir mehr Feinschliff gew├╝nscht.

My life fell apart when I was sixteen. Papa died. He had such a strong heart, yet he died. Was it the heat and smoke from his blacksmithing shop? ItÔÇÖs true that nothing could take him from his work, his art. He loved to make the metal bend, to obey him. But his work only seemed to strengthen him; he was so happy in his shop. So what was it that killed him? To this day I canÔÇÖt be sure. I hope it had nothing to do with me or what I did back then.

Who Fears Death?

(DAW 2010, 304 Seiten, 075640617X)

Ein ├Ąu├čerst innovatives, spannendes und auch lesenswertes Buch, das viele aktuelle Themen aufgreift, dem aber ein wenig die erz├Ąhlerische Dichte und Atmosph├Ąre fehlt.

Onyesonwu ist kein normales M├Ądchen. Sie ist eine Ewu – die Tochter einer Okeke und eines Nuru – und damit das Ergebnis einer Vergewaltigung. Die Nuru sind ein kriegerisches Volk und erf├╝llen eine im „gro├čen Buch“ festgeschriebene Aufgabe: die Vernichtung der Okeke. Und so ziehen sie brandschatzend, mordend und vergewaltigend durch den Westen. Onyesonwus Mutter gelingt es nach der Vergewaltigung, in die W├╝ste zu fliehen und so w├Ąchst das M├Ądchen in der hei├čen und wasserlosen Ein├Âde auf. Erst nach einigen Jahren ziehen die beiden nach Jwahir, einer Stadt im Osten, die bislang von den Nuru verschont wurde. Dort ist Onyesonwu jedoch durch ihre Hautfarbe als Ewu stigmatisiert, denen in den K├Âpfen der Menschen ein Leben voller Gewalt und Grausamkeit vorherbestimmt ist. So findet sie ihre ersten Freunde in Binta, Luyu und Diti, mit denen sie sich dem „Ritual des elften Geburtstags“ unterwirft – der weiblichen Beschneidung. In derselben Zeit lernt sie auch Mwita kennen, einen Ewu-Jungen, der sie von Anfang an fasziniert. Doch Onyesonwu ist nicht nur als Ewu anders als die Anderen. Noch vor ihrem elften Geburtstag stellt sie fest, dass sie sich in einen Geier verwandeln kann und auch in einen Spatz. Sie ist eine Gestaltwandlerin. W├Ąhrend ihrer Beschneidung zeigen ihr ihre magischen Kr├Ąfte zudem, dass sie von einem m├Ąchtigen Zauberer beobachtet wird, der ihr nach dem Leben trachtet. Um sich gegen den Angreifer verteidigen zu k├Ânnen, sucht sie den Zauberer Aro auf und bittet ihn, sie zu unterrichten. Er lehnt dies jedoch zuerst ab, weil er keine M├Ądchen unterrichtet. Erst sp├Ąter erkl├Ąrt er sich dazu bereit, ihr dabei zu helfen, die Kontrolle ├╝ber ihre Kr├Ąfte zu gewinnen. Als sie dann feststellt, dass der m├Ąchtige Zauberer, der ihr Leben bedroht, ihr leiblicher Vater ist, macht sie sich zusammen mit Luyu, Binta, Diti und Mwita auf den Weg durch die W├╝ste um ihm entgegenzutreten. Dabei lernt sie immer mehr ├╝ber die Kr├Ąfte, ihre Geschichte und die Geschichte des „gro├čen Buchs“, die nur sie neu schreiben kann.

Von Who Fears Death bin ich hin und her gerissen: Das Buch ├Ąhnelt keinem Fantasy- oder Science-Fiction-Buch, das ich bisher gelesen habe. Das Setting in einem dystopischen Afrika der unbestimmten Zukunft ist ├Ąu├čerst ungew├Âhnlich und Okorafor versteht es hervorragend, es mit einer Mischung aus Fantasy-Elementen und afrikanischer Mythologie zum Leben zu erwecken. Mit der weiblichen Beschneidung, der Stellung der Frau in der afrikanischen Gesellschaft und dem Genozid der Nuru an den Okeke spricht sie zudem drei ├Ąu├čerst aktuelle Themen an, die das Leben in Afrika nach wie vor pr├Ągen. Daher wird es nicht umsonst von der amerikanischen Kritik mit Lob ├╝bersch├╝ttet und ist unter anderem f├╝r den Nebula Award 2010 nominiert.

Auf der anderen Seite hat es Okorafor trotz aller Dramatik, Tragik, Aktualit├Ąt und Brutalit├Ąt nicht geschafft, mich wirklich in die Geschichte hineinzuziehen. Vielleicht lag es daran, dass 300 Seiten nicht gerade viel daf├╝r sind, den Leser mit einer vollkommen fremden Welt vertraut zu machen, f├╝r die Hauptfiguren einzunehmen, drei wichtige aktuelle Probleme aufzugreifen und der Entwicklung der Charaktere und der Handlung genug Platz einzur├Ąumen. Vielleicht aber auch daran, dass mir gerade im ersten Teil das Thema „Stellung der Frau“ ein wenig zu offensiv in den Mittelpunkt ger├╝ckt wurde. Auch fehlen mir Hinweise auf den weiteren Kontext und die Geschichte der Welt in der sich Onyesonwu und ihre Gef├Ąhrten bewegen. Man erf├Ąhrt wenig mehr, als dass es sich um eine Zukunft handelt, in der nur noch wenig Technik existiert.