Die Stadtbibliothek von Kansas City hat sich etwas ganz besonderes einfallen lassen, um Büchern in der Innenstadt einen festen Platz zu sichern:

kansaslibrary

Das Parkhaus der Bibliothek ist mit Abbildungen von 22 Buchrücken verkleidet, die jeweils ungefähr acht mal drei Meter groß sind. Eine schöne Idee, die ich hier in Deutschland auch gerne umgesetzt sehen würde.

(Mehr Informationen: kclibrary.org, Via: snopes.com)


König Ratte (King Rat)

(Bastei Lübbe 2003, 462 Seiten, 3-404-24310-2)

Nicht ganz schlüssige Handlung aber ein spannender Bli [...]

Das hochgelobte Perdido Street Station von China Miéville hat mich zwar damals nicht überzeugt, aber als ich letztens König Ratte auf einem Remittendentisch liegen sah, konnte ich dann doch nicht widerstehen, dem Autor eine zweite Chance zu geben. Und soviel vorweg: Es hat sich gelohnt.

Alles sieht nach einem ganz normalen Abend aus, als Saul Garamond nach Hause kommt und sich an seinem Vater vorbei in sein Zimmer schleicht. Wenige Stunden später wird er jedoch von der Polizei unsanft aus dem Bett geworfen und in eine Zelle verfrachtet, in der man ihm zum Tod seines Vaters befragt. Dieser war kurz nach Sauls Heimkehr aus dem Fenster des sechsten Stocks gestürzt. Vollends verrückt wird diese Nacht, als Saul von einer merkwürdigen Gestalt aus dem Polizeigewahrsam befreit wird. Dabei turnt “King Rat” mit Saul auf dem Rücken über die Dächer Londons – er klettert an Wänden empor und schwingt sich scheinbar schwerelos an Dachrinnen in die Lüfte. Schließlich eröffnet er Saul, dass dieser eine halbe Ratte sei und von nun an ein Rattenleben in der Kanalisation und auf den Dächern der Stadt führen werde. Als Saul dann noch den Spinnenherrscher Anansi und den Vogelkönig Loplop kennenlernt, gerät er in einen uralten Konflikt, der vor mehreren Hundert Jahren bereits das Leben fast aller Ratten der kleinen Stadt Hameln forderte.

Diese Handlung klingt nicht nur wirr, sie ist es auch irgendwie. Trotzdem kam sie mir während der Lektüre äußerst schlüssig und glaubwürdig vor. Doch danach kamen dann einige Fragen auf, die Miéville auf den 462 Seiten nicht anspricht bzw. nicht zufriedenstellend beantworten kann: Warum haben Tiere eigentlich humanoide Herrscher? Wie hat sich King Rat von einer echten Ratte in eine menschenähnliche Gestalt verwandelt? Warum will der Rattenfänger eigentlich sein böses Werk begehen? Wie kann sich Saul so schnell von einem schwerfälligen Menschen in einen Meisterturner verwandeln? Das sind nur einige der Merkwürdigkeiten, die der Autor seinem Leser hier von den Latz knallt, ohne die (im Nachhinein) entstehende Verwirrung aufzulösen.

Trotz der teilweise sehr unmotivierten und sehr konstruiert wirkenden Handlung ist König Ratte äußerst lesenswert. Die Stärke des Romans liegt für mich in der Art, in der der Autor beschreibt, wie sich der Blick Sauls auf die Stadt London wandelt. Wie er von einem Teilnehmer in dem alltäglichen Leben der Stadt zu einem außenstehenden Beobachter wird, der sich die Gebäude, die Mauern und die geheimen Tunnel Untertan machen kann. So hat mich am meisten eine Szene beeindruckt, in der Saul kurz nach seiner Wandlung auf die Stadt herunterblickt und darüber nachsinnt, wie er sie bezwungen hat und sich ihrer Macht und ihren Regeln entziehen konnte. Wenn ich intellektuell klingen wollte, könnte ich jetzt damit anfangen, die Foucault’sche Idee der Heterotopien zu beschreiben und über Überlegungen zu in räumlichen Strukturen eingeschriebenen Machtstrukturen philosophieren, aber das will ich euch an dieser Stelle nicht antun. Daher bleibt mir nur, euch einen etwas anderen aber äußerst lesenswerten Roman ans Herz zu legen. Nur für diejenigen, für die die Handlung bis in das letzte Detail glaubwürdig und die Hintergründe der Welt nachvollziehbar sein müssen, ist König Ratte definitiv nicht geeignet.

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Dem New York Magazine hat William Gibson seine Science-Fiction-Lieblingsbücher genannt:

In derselben Reihe finden sich auch noch Buchtipps von Peter Carey (Historie), Kathryn Harrison (Memoiren), Simon Rich (Humor), Rebecca Skloot (Wissenschaft) und Otto Penzler (Thriller)

(Via: io9)

Nach seinem letzten Roman Anathem, der vor Kurzem auch in Deutschland erschienen ist, war es etwas ruhig um Neal Stephenson geworden. Der amerikanische Autor, der durch seine langen und komplexen Romane bekannt geworden ist und der sich eigentlich immer mit der Wissenschaft und ihren Auswirkungen auf die Menschheit auseinandersetzt, stellt sich mit seinem jetzt angekündigten Projekt selbst an die Spitze der technisch-medialen Entwicklung: Zusammen mit dem von mir sehr geschätzten Greg Bear, anderen Autoren, Programmieren, Künstlern, Filmemachern und anderen Medienschaffenden will er mit seinem Unternehmen Subutai ein wahrhaft multimediales “Buch” erschaffen. Nicht auf Papier, sondern für Lesegeräte wie das iPad, das iPhone oder den Kindle. Dabei sollen Texte, Videos, Spiele und Social-Media-Elemente nach und nach erscheinen und vom Leser in einer Art Abonnement bezogen werden. Nach einiger Zeit sollen die Leser sich dann sogar selbst an der Erschaffung und Ausarbeitung der Welt beteiligen.

Doch nun genug zum Technischen und ab zum Inhalt, über den leider bisher nur wenig bekannt ist: Laut der Facebook-Seite des Projekts, das den Titel Mongoliad (Website) tragen wird, steht das Jahr 1241 im Mittelpunkt, in dem ganz Europa kurz davor steht, von einer Mongolen-Invasion überrannt zu werden. Ich vermute dahinter einen “Alternate History”-Roman, in dem die Mongolen Europa tatsächlich erobern und seine Geschichte damit vollkommen verändern. Das böte für die Zukunft viel Raum, da sich diese Welt ja theoretisch bis in eine ferne Zukunft fortschreiben ließe. Ich vermute, dass Stephenson sich dann irgendwann aus der Welt zurückziehen und diese ihrer Eigendynamik überlassen wird. Im besten Falle, stellt Mongoliad dann vielleicht tatsächlich den Anfang eines neuen Medien-Universums dar, dass sich ähnlich wie Star Wars oder Star Trek im Laufe der Zeit in alle Richtungen verzweigt.

Lassen wir uns überraschen. Wenn es die App für irgendeines meiner Geräte gibt, werde ich hier auf jeden Fall über dieses spannende Experiment berichten.

(Via: io9)

Jeder der gerne isst, sollte dieses Buch lesen. [...]

Essen. Obwohl wir Menschen uns noch zu keiner Zeit so viele Gedanken über unser Essen gemacht haben wie heute, gab es noch nie so viele Krankheiten aufgrund falscher und ungesunder Ernährung. Wegweiser und Ratgeber, wie wir uns richtig zu ernähren haben, gibt es heute an jeder Ecke und es gibt wohl kaum eine Zutat oder einen Nährstoff, der noch nicht in den Verdacht geraten ist, krebserregend, fett machend oder entschlackend zu wirken. Michael Pollan schlägt in seinem In Defence of Food einen anderen Weg ein und verspricht einfache Regeln, die unsere Ernährung von dem Problem, das sie für uns aktuell darstellt, wieder zu einer Freunde und einem Genuss zu machen, bei dem Wir uns über Nährstoffe, Vitamine, Kohlenhydrate und Fette keine Gedanken machen müssen und trotzdem unserem Körper genau das geben, was er braucht.

Dabei geht Pollan von einer Beobachtung aus, die dem aktuellen Stand der Ernährungswissenschaft zu widersprechen scheint: Es gibt keine eine perfekte Ernährung. Vielmehr zeigen Untersuchungen der Essensgewohnheiten traditionalen Gesellschaften und von Naturvölkern, dass es eine Unzahl vollkommen verschiedener Ernährungsweisen gibt, die den menschlichen Köper mit allem Notwendigen versorgen: Sei es eine nur auf Fleisch und Tierblut basierende Ernährung oder eine rein pflanzliche. Nur das typisch amerikanische Essen scheint für den Menschen nicht wirklich geeignet zu sein. Er stellt dann auch eine glaubwürdige Argumentation auf, warum wir trotz einer fortschreitenden Wissenschaft und eines immer größeren Ernährungsbewusstseins nicht in der Lage sind, uns vernünftig zu ernähren: So führt der wissenschaftliche Fokus auf einzelne Nährstoffe dazu, dass wir den Blick auf das große Ganze unserer Essgewohnheiten verlieren: Wir ignorieren das komplexe Zusammenwirken verschiedener Stoffe innerhalb der Pflanzen und Früchte, lassen das Zusammenwirken unterschiedlicher Komponenten einer Mahlzeit außer Acht und haben schließlich auch vergessen, dass Ernährung keineswegs ein Problem darstellt, das gelöst werden muss, sondern vielmehr ein Ausdruck von Kultur und Lebensfreude sein kann.

Dabei bringt er einige erschreckende Beispiele, die sich zwar nur auf die USA beziehen, die sich in abgeschwächter Form aber sicher auch auf Europa und Deutschland übertragen lassen. Am meisten beeindruckt hat mich dabei seine Beschreibung, dass heutzutage in den USA von den täglich konsumierten Kalorien mehr als 1500 auf drei Grundstoffe entfallen: Mais, Soja und Weizen. Diese werden in ihre chemischen Bestandteile zerlegt, mit anderen Nährstoffen angereichert und schließlich als vollwertige Lebensmittel verkauft. (Fleisch ist dabei für Pollan durch Tiere weiter verarbeitetes Getreide.) Diese einseitige Ernährung, die das komplexe Zusammenspiel unzähliger – vielleicht sogar noch unbekannter – Nährstoffe in natürlich gewachsenen Lebensmitteln zerstört ist für ihn die zentrale Ursache der Ernährungsmisere in den USA, die mittlerweile auch zunehmend in Deutschland und Europa um sich greift.

In Defence of Food ist für mich ein äußerst wichtiges Buch, weil es eine Perspektive auf unsere Essgewohnheiten aufzeigt, die auf den ersten Blick selbstverständlich scheint, mir aber bislang noch nicht untergekommen ist. Dabei schreibt der Autor sehr unterhaltsam aber gleichzeitig fundiert. Er nimmt den Leser mit auf eine kurze Rundreise durch die Ernährungswissenschaft und die Lebensmittelfabriken und zeigt schließlich auf, wie wir uns wieder enger an den Ernährungsgewohnheiten unserer Urahnen bzw. der Naturvölker orientieren können, ohne dabei zu sehr auf die Annehmlichkeiten der Zivilisation verzichten zu müssen. Die Quintessenz seines Buches fasst er selbst in folgenden “Richtlinien” für gutes Essen zusammen: “Eat food. Mostly Plants. Not too much.” Was es mit den einzelnen Komponenten dieser Regel genau auf sich hat, könnt ihr in diesem äußerst empfehlenswerten Buch selbst herausfinden.

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Pflichtlektüre für Freunde epischer Space Operas. [...]

Während ich in Berlin auf einer Konferenz war, ging es in meinem aktuellen Buch mal wieder in die Welt von Peter F Hamiltons Armageddon-Zyklus. Im vierten Band Der Neutronium-Alchemist machen sich Joshua Calvert, verschiedene Geheimdienste und die Organisation Al Capones auf die Suche nach der mächtigsten Waffe des bekannten Universums: Dem Alchimisten, den Alkad Mzu entworfen hat, um ihren Heimatplaneten Garissa vor der Zerstörung zu bewahren. Ihre Flotte strandete jedoch und der Alchemist wurde auf eine Reise geschickt, so dass er erst nach der Aufhebung der Sanktionen gegen den Planeten Omuta wiedergefunden werden kann. Durch seine Kraft, ganze Planeten oder Sonnen zu zerstören ist er unter allen, die von ihm wissen, gefürchtet und jede Macht hat ein Auge auf ihn geworfen. So beginnt eine Verfolgungs- und Schnitzeljagd, die den Konflikt zwischen den Menschen und den Besessenen entscheiden könnte.

Der vierte Band der Serie (zumindest in der deutschen Ausgabe, in der englischen entspricht dieser 900 Seiten Wälzer dem zweiten Teil des zweiten Bandes) hat alles, was auch die ersten drei Bände ausgezeichnet hat: spannende Handlung, glaubwürdige Charaktere und eine unglaublich komplexe Welt. Hamilton konfrontiert den Leser dabei mit derart vielen Figuren, Parteien, Schiffen und Völkern, dass ich an einigen Stellen ein wenig den Überblick verloren habe. So gibt es gegen Ende des Buches eine Passage, in der ein Kampf geschildert wird, an dem sechs Parteien beteiligt sind und der sich sowohl auf dem Boden als auch im Orbit des Planeten abspielt. Gücklicherweise ist die Handlung trotz der Komplexität stringent und es ist relativ einfach, nach einem kurzen Aussetzer wieder den Einstieg zu finden.

Mit Der Neutronium-Alchemist hat Hamilton mal wieder einen großartigen Teil seines Armageddon-Zylklus’ abgeliefert. Freunde von epischen Space Operas und komplexen Science-Fiction-Welten sollten hier auf jeden Fall zugreifen. Allerdings sind die Bände einzeln kaum zu verstehen und man sollte sich auf jeden Fall die Zeit nehmen, mit dem ersten Teil (Die unbekannte Macht) zu beginnen und sich nach und nach durch die mehr als 5000 Seiten zu fressen. Weil die Handlung so komplex und die Welt so vielschichtig ist, sollte man allerdings nicht, wie ich, den Fehler machen, Monate zwischen den einzelnen Bänden verstreichen zu lassen…

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Enders Kinder (Children of the Mind)

, Teil 4

(Tor 1997, 370 Seiten, 978-0-81255-2239-6)

Tiefgründig und spannend. Ein würdiges Ende eines gen [...]

Nu ist es also vorbei. Nach dem genialen Ender’s Game und den extrem lesenswerten Speaker for the Dead und Xenocide ist Children of the Mind der letzte Band der mittlerweile schon klassischen Kernsaga um Ender Wiggin. Und Orson Scott Card ist es definitiv gelungen, seinen großartigen Zyklus mit einem würdigen Ende auszustatten. Das Buch schließt unmittelbar an die Handlung des Vorgängers an und so schwebt noch immer die Gefahr der vollständigen Zerstörung über dem Planeten Lustania, auf dem die drei intelligenten Rassen der Menschen, der Peguininos und der Bugger zusammenleben. Zwar haben die Menschen auf diesem Planeten eine Möglichkeit gefunden, ohne Zeitverlust das Universum zu bereisen, sie sind dafür aber von dem “Computerwesen” Jane abhängig, das nach und nach vom Kongress abgeschaltet wird. Auch Ender liegt im Sterben, doch da sind ja noch die Reinkarnationen seiner Geschwister Val und Peter…

Ohne die Vorgängerromane vorauszusetzen, ist die Handlung schwer zusammenzufassen, denn Card baut in diesem Buch konsequent und ohne Rücksichtnahme auf dem auf, was der Leser in den ersten drei Romanen gelernt hat. Dabei führt er seine Philosophie der eigenständigen “Seelen” aller Menschen, Lebewesen und Gegenstände fort und entwickelt auf ihr eine Handlung, die sich genauso in der Parallelwelt der “Aiúas” abspielt, wie in unserer realen Welt. Dabei geraten Ender, Peter, Valentine, die junge Valentine, Miro, Wang-mu und Novinha in ein komplexes Geflecht aus Liebe, Tod und – wie immer bei Card – ethischer Dilemmata.

Auch wenn ich mich immer freue, sobald ich ein Buch zu Ende gelesen habe, hätte ich mir gewünscht, hier noch ein paar Seiten mehr zu haben. Aber glücklicherweise gibt es ja noch weitere Bücher von Card, die in Enders Universum spielen und die ich mir sicherlich im Laufe der Zeit noch zu Gemüte führen werde.

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