Nachdem ich gestern Gollancz für seine aktuellen Projekte in den Himmel gelobt habe, ist heute der amerikanische Verlag Tor an der Reihe – einer der wichtigsten Player im Gebiet der Science-Fiction und Fantasy weltweit. Schon deren Website Tor.com platzt vor lauter Neuigkeiten und Aktionen aus allen Nähten, aber das war den Frauen und Mannen aus New York wohl nicht genug: Am Dienstag veröffentlichten sie einen Tor Books Sampler, der nicht nur Artikel von zentralen Autoren aus dem Programm von Tor umfasst, sondern auch Ausschnitte aus zahlreichen Romanen zum Probelesen. Mit dabei sind unter anderem Greg Bear, Orson Scott Card und Carrie Vaughn.

Einfach so. Kostenlos. Als PDF und epub. Der einzige kleine Haken: Man muss sich einen Account auf der Tor.com-Webseite zulegen. Aber den sollte jeder Fan us-amerikanischer Science-Fiction oder Fantasy ohnehin schon längst haben. Hier geht’s lang: Tor Books Sampler

Bitte, liebe deutsche Verlage, habt doch auch mal solche guten Ideen oder kopiert zumindest die aus dem englischsprachigen Raum. Eure Leser werden es euch danken!

Der britische Verlag Gollancz ist in der englischsprachigen Welt nicht nur dafür bekannt, einige der wichtigsten Autoren des Genres zu verlegen (u.a. Patrick Rothfuss, Alastair Reynolds oder Greg Egan), sondern hat sich auch durch die SF-Masterworks-Reihe einen Namen bei Genre-Fans gemacht.

Dieses Jahr startet Gollancz nun mit zwei Initiativen, die zeigen, dass der Verlag im digitalen Zeitalter angekommen ist. Zum einen kündigte der Verlag schon vor ein paar Wochen an, die klassische Encyclopedia of Science Fiction nicht nur neu aufzulegen, sondern eine aktuelle Version kostenlos im Internet verfügbar zu machen. Der Verlag schreibt hierzu:

The first edition of the Encyclopedia, whose founder and general editor was Peter Nicholls,
appeared in 1979, and contained over 700,000 words. A second edition, edited by John Clute and
Peter Nicholls, appeared in 1993 and contained over 1.3 million words. Both editions won the
Hugo Award from the World Science Fiction Convention, in addition to numerous other honours.
The beta version of the third edition will contain some 3 million words, including about 12,000
entries and well over 100,000 internal links. The entries cover every area of science fiction,
including authors, illustrators, movies, music, games, and fanzines. The text will be completed,
through monthly updates, by the end of 2012. (Quelle)

Am Mittwoch gab es dann gleich den zweiten Hammer: Ende September startet eine neuartige Bibliothek mit klassischen Werken der Science-Fiction als eBook:

It will build to 3,000 titles by the end of 2012, and 5,000 or more by 2014. Gollancz’s Digital Publisher Darren Nash, who joined the company in September 2010 to spearhead the project said, “The Masterworks series has been extraordinarily successful in republishing one or two key titles by a wide range of authors, but most of those authors had long careers in which they wrote dozens of novels which had fallen out of print. It seemed to us that eBooks would offer the ideal way to make them available again. This realization was the starting point for the SF Gateway.” Wherever possible, the SF Gateway will offer the complete backlist of the authors included. (Quelle)

Darüberhinaus soll diese Bibliothek mit der Encyclopedia of Science Fiction verknüpft werden und über umfangreiche Community-Funktionen verfügen. Die Liste der Autoren, die vom Beginn an vertreten sein sollen, liest sich entsprechend eindrucksvoll:

  • !a-Marion Zimmer Bradley–a!
  • !a-Edgar Rice Burroughs–a!
  • !a-Arthur C Clarke–a!
  • !a-Philip K Dick–a!
  • !a-Frank Herbert–a!
  • !a-James Tiptree, Jr–a!
  • !a-Robert Silverberg–a!
  • !a-Kate Wilhelm–a!
  • !a-Connie Willis–a!

WOW, WOW, WOW!

Liebe deutsche Verlage: So geht Bücher-Verkaufen im Netz!

For the first time in Vali’s life he felt genuinely angry, violent even, and as that emotion touched him he felt a chill go through him. This wasn’t the sort of rage that explodes in fury but an insidious, crawling thing, as present and real as the smell of smoke across a summer meadow.

Wolfskrieger (Wolfsangel)

, Teil 1

(Heyne 2011, 560 Seiten, 9783453526754)

  • Fantasy in nordischem Setting
  • Faszinierende Charaktere und spannende Ideen
  • Zu viel komplexes mythisches Blabla
  • Haben wir nicht alle die tolkienesken Fantasy-Settings satt, die sich an das kontinentaleuropäische Mittelalter anlehnen? Die edlen Ritter, armen Bettler und noblen Könige? Wie wäre es stattdessen mit der eisigen Kälte, den brutalen Berserkern und der kriegerischen Mythologie des Nordeuropas um die erste Jahrtausendwende? Denn genau hierhin nimmt uns M.D.Lachlan in seinem ersten Roman Wolfkrieger mit.

    Er erzählt die Geschichte der Zwillinge Vali und Feileg, die kurz nach ihrer Geburt aus den Armen ihrer Mutter geraubt und dann getrennt werden. Während Vali als Sohn des Königs Authun in bescheidenem Wohlstand aufwächst und zu einem ruchlosen Krieger erzogen werden soll, übergibt Authun Feileg an eine Gruppe Hexen, die den Jungen als Wolfsmensch aufwachsen lassen. Als Vali sich dann wenig standesgemäß in die Bauerntochter Adisla verliebt, wird er, um seine Männlichkeit zu beweisen, auf eine Jagd geschickt, die die beiden Brüder wieder zusammen und in ein gemeinsames Abenteuer führt.

    Auch wenn in Wolfskrieger ein Werwolf die Hauptrolle spielt, haben wir hier keinen weiteren Vertreter des überstrapazierten Romantasy-Genres, sondern einen Fantasyroman der härteren und dunkleren Sorte. Die Welt ist rau und kalt, beherrscht von dem Glauben an den kriegerischen Gott Odin und seine nicht weniger kriegerischen Verwandten. Die verschiedenen Stämme befinden sich in einem ständigen Kampf um die Vorherrschaft in ihrer Region. Dabei stellen plötzliche und brutale Überfälle auf feindliche Dörfer mit Hilfe von Berserker-Söldnern das Mittel der Wahl dar.

    In dieser plastischen und glaubwürdigen Welt schafft Lachlan ebensolche Figuren und Charaktere. Dabei arbeitet er insbesondere heraus, wie sich Vali nie so wirklich mit dem Gebaren seiner Leute im Kampf anfreunden kann, bei denen Kraft über geschickte Planung und cleveres Taktieren steht. Er scheint nicht so ganz in seine Welt zu passen. Auch Feileg und Adisla bleiben ambivalente Figuren, die mit ihrer Natur und ihrem gesellschaftlichen Status hadern.

    Diese Stärken kann der Roman insbesondere in seinem zweiten Viertel ausspielen, in dem der Autor langsam auf einen entscheidenden Wendepunkt in der Handlung zusteuert und die Figuren ausführlich einführt. Die Hinführung zu diesem Abschnitt, das erste Viertel, macht es dem Leser jedoch ein wenig schwer, sich in die Welt einzufinden – zu viele unbekannte Figuren und Götter treten hier auf. Auch die zweite Hälfte des Romans hat mich nur beschränkt überzeugt: Zwar ist es äußerst spannend, wie Lachlan aus einer mir weitestgehend unbekannten Mythologie eine Handlung entwickelt, jedoch driftet der Roman mir zu oft in komplizierte Erläuterung der Zusammenhänge zwischen mythischen Wesen und Vali, Feileg sowie Adisla ab. Dabei bleiben nicht nur die Figuren auf der Strecke, sondern leider für mich auch des Öfteren die Spannung.

    Nichtsdestotrotz ist Wolfskrieger meist spannend zu lesen und bietet interessante Einblicke in die nordische Mythologie. Wenn es dem Autor jetzt noch gelingt, die Handlung etwas weltlicher zu entwickeln und seine Fähigkeit, Charaktere und ihre Gefühle zu entwickeln, über das ganze Buch hinweg zu zeigen, freue ich mich auf den Nachfolgeband Fenrir. Dieser spielt einige Zeit später, in der die Vikinger Paris belagern und erscheint morgen (21. Juli 2011) als englisches Hardcover .

Es ist schon ein Weilchen her, dass ich meine Begeisterung über das Buch Die Entdeckung des Hugo Cabret kundgetan habe. Umso mehr habe ich mich gefreut, als mich @Cynx gerade auf den neuen Film von Martin Scorsese aufmerksam gemacht hat: Hugo – wie der Name schon sagt, eine Verfilmung des Buchs von Brian Selznick. Hier ist dann auch gleich der Trailer:

(Via Clockworker)

Nach dem Trailer bin ich ein wenig hin und her gerissen: Einerseits sieht das ganze sehr gut gemacht und sehr eindrucksvoll gefilmt aus, andererseits habe ich ein wenig das Gefühl, das der Film den Charme des Buches nicht ausreichend erfassen kann. Durch seine detaillierten und unglaublich atmosphärischen Kohlezeichnungen und deren filmische Dramaturgie war das Buch selbst schon in gewisser Weise ein gedruckter Kinofilm und damit eigentlich auch eine sehr konkrete Vorlage für einen echten Film, von der sich Scorsese leider deutlich zu entfernen scheint.

Das ändert aber nichts daran, dass ich mir den Film auf jeden Fall anschauen werde – zumindest wenn ich ein Kino finde, das diesen 3D-Scheiß nicht mitmacht…

Mehr über das Buch könnt ihr auf dessen Homepage erfahren. Mittlerweile gibt es da auch eine Vorschau auf das nächste Buch des Autors: Wonderstruck.

Anstatt neue Rezensionen und Artikel zu schreiben, habe ich die letzten beiden Wochen an einer Erweiterung der kritischen Seite gearbeitet: einem begleitenden Podcast. Darin präsentiere ich euch die Bücher, die ich auf der Webseite schon vorgestellt habe, noch einmal etwas anders und stelle euch zudem noch einige spannende Kurzgeschichten vor. Sicherlich wird auch mal das ein oder andere Thema seinen Weg in den Podcast finden.

Auch wenn die erste Folge in erster Linie ein Experiment sein soll, hoffe ich doch, euch ab jetzt mehr oder weniger monatlich meine Reiseberichte aus zukünftigen, vergangenen und fremden Welten präsentieren zu können. Sobald ich das technisch hinbekomme, könnt ihr diesen dann natürlich auch abonnieren. Ihr könnt den Podcast auch abonnieren.

Und da ihr jetzt hören und nicht lesen sollt: Hier ist der Podcast. Für Anmerkungen, Lob und Kritik nutzt einfach die Kommentare…

Shownotes

Hier sind nochmal alle Bücher, Geschichten und Autoren übersichtlich zusammengefasst:

Ein Aerostat brummte in der Ferne, umtanzt von winzigen Punkten, geflügelten Gestalten, die sich in seinem Kielwasser tummelten, wie Defline um einen Wal, während im Vordergrund ein weiterer Zug dahinschoss - unterwegs in das Zentrum von New Crobuzon, den Knoten architektonischen Gewebes, wo die Lebensadern der Stadt sich verknüpften, wo die Gleistrossen der Miliz von dem Spike ausgehend sternförmig ihr Netz spannten, und die fünf großen Bahnlinien der Stadtan ihrem Dreh- und Angelpunkt zusammenliefen, dem düster gescheckten Bollwerk aus rußgeschwärztem Backsteinund rauem Beton und Holz und Stahl und Stein, dem mit vielen Mäulern gähnenden Kolossalbau im vulgären Herzen der Stadt: Perdido Street Station.

  • Irgendwo zwischen Steampunk, Biopunk und klassischer Science-Fiction
  • Beeindruckende und bedrückende Welt
  • Langsame Handlung und blasse Figuren

New Crobuzon ist sicherlich keine Stadt, in der ich gerne leben würde: Hier leben knapp 100 Millionen Einwohner in einem historisch gewachsenen Moloch. Die Menschen teilen sich die Stadt mit zahlreichen anderen Völkern, wie den Kaktusmenschen oder den käferartigen Kephri, deren Weibchen einen menschlichen Körper besitzen, aber anstelle des Kopfes einen Käferleib. Dann sind da auch noch die Remade, chirurgisch und thaumaturgisch veränderte Menschen, die entweder für eine bestimmte Aufgabe optimiert oder für Verbrechen grausam bestraft wurden.

Normalerweise fasse ich ja an dieser Stelle die Handlung des Romans zusammen und nicht seine Welt, aber in Die Falter gibt es nur einen Hauptdarsteller: New Crobuzon. So spannend und faszinierend diese Stadt ist, vernachlässigt Miéville vor lauter Beschreibungen und atmosphärischer Ausführungen die Handlung und die Charaktere sträflich. Während der Moloch und die steampunk-inspirierte Welt den Leser fesseln können, schleppt sich die Handlung langsam vor sich hin und gewinnt erst gegen Ende der gut 550 Seiten an Spannung, die sich dann jedoch nicht in einem großen Showdown entladen kann.

Dies liegt in erster Linie daran, dass Die Falter lediglich der erste Teil des Romans Perdido Street Station ist, der in der deutschen Übersetzung zweigeteilt wurde und erst mit Der Weber seinen Abschluss findet. Aber wer ein halbes Buch veröffentlicht, sollte sich nicht beschweren, wenn es dann auch als solches bewertet wird. Dem Autor bleibt jedoch in meinen Augen immer noch vorzuwerfen, dass er sich zu viele Gedanken um seine Welt und zu wenige um die Handlung und seine Figuren gemacht hat. Auch die Sprache ist in der Übersetzung sehr verschwurbelt und nicht immer einfach zu lesen, ich weiß aber nicht, ob das für die englische Version genauso gilt. Schade, diese Welt hätte mehr verdient gehabt.

Nachdem ich mich im ersten Teil meines Gesprächs mit Trudi Canavan über ihr aktuelles Buch Sonea – Die Heilerin unterhalten habe, geht es heute um die Hintergründe ihrer Welten und die Fantasy-Szene in Australien. Am Ende hat Trudi dann natürlich auch noch ein paar Buchtipps für euch. Viel Spaß!

Die Welt von Kyralia war mittlerweile Schauplatz von sechs Romanen. Wie entwickeln Sie die Hintergrundinformationen für Ihre Welten?

Als ich die Gilde der schwarzen Magier geschrieben habe, habe ich mir ein Jugendbuch über die mittelalterliche japanische Kultur hergenommen und alle Überschriften abgeschrieben: Essen, Militär, Kleidung und so weiter und habe mir dann all die interessanten Sachen ausgedacht, auch wenn ich dann das meiste nicht verwendet habe. Wie bei einem Eisberg, bei dem nur die Spitze zu sehen ist. Dabei habe ich dann auch gelernt, wie ich zeigen kann, dass dieser Eisberg auch unter Wasser existiert, ohne das wirklich auszuformulieren. Das sind dann viele kleine Details, die den Eindruck erwecken, dass da noch mehr hintersteckt. Ich bin da aber auch effizienter geworden und muss jetzt auch nicht mehr so große Hintergrund-Dokumente erstellen.

Gehören da dann auch die Zeichnungen und Karten zu, die es auf Ihrer Homepage zu sehen gibt?

Ja, das ist auch ein Teil des Weltenbaus. Ich bin auch eine ehemalige Kartografin. Ich habe für Loney Planet Publications gearbeitet, wo ich Illustrationen und Karten gemacht habe. Da habe ich das gelernt. Ich liebe es, Karten zu zeichnen und besonders die Karten in dieser Serie. Es gibt zum Beispiel eine topografische Karte des Geländes der Gilde. In der Ecke steht dann “Diese Karte ist Eigentum der Bibliothek der Magier und darf nicht entfernt werden”. Das scheint dann so als wäre das eine echte Karte aus dem Buch. Für die Karte aus Das Zeitalter der Fünf habe ich zwei Tonstücke genommen, sie aufeinander geschoben, Berge geformt, Wasser darüber laufen gelassen und die Flüsse nachgezeichet. Das hat mir dann einen halbwegs guten Eindruck gegeben, wie sich die Platten bewegen. Als ich die Reihe dann geschrieben habe, habe ich die Karte dann aber doch ein wenig verändert, damit sie auch zur Handlung passt. Skizzen von Räumen und Karten helfen mir aber auch konkret beim Schreiben. Dann weiß ich immer genau, wo meine Figuren gerade sind.

Was zeichnet für Sie australische Fantasy gegenüber amerikanischer oder britischer aus?

Das ist wohl so etwas, das man erst wirklich bemerkt, wenn man außerhalb des Landes ist. Gerade auf der aktuellen Tour sind mir da ein paar Dinge aufgefallen, die mir vorher noch nicht so klar waren: Eine Sache ist, dass im Internet diskutiert wurde, dass Fantasy in Amerika und Großbritannien in erster Linie von Männern geschrieben, von Männern rezensiert und wohl auch von Männern gelesen wird. In Australien hat das jeden, mit dem ich gesprochen habe, verwundert. Weil das bei uns überwiegend weibliche Autorinnen sind und auch die allgemeine Meinung herrscht, dass Frauen eher Fantasy lesen und Männer eher Science-Fiction. Das stimmt zwar nicht so ganz, aber trotzdem haben wir eben wesentlich mehr weibliche Fantasy-Autoren. In Polen habe ich dann herausgefunden, dass meine Bücher dort ein lange gehegtes Vorurteil durchbrochen haben, dass Fantasy nur von Männern für Männer geschrieben wird. Mein Verlag hat dort einfach genau den richtigen Zeitpunkt getroffen und mir eine riesige weibliche Leserschaft gesichert. Frauen, die vorher keine Fantasy-Romane gelesen haben und sie wegen meiner Bücher jetzt lesen. Das freut mich natürlich sehr. Ich hoffe nur, dass sie auch weiterhin möglichst viele gute Fantasy-Bücher lesen.

Gibt es denn innerhalb der Geschichten etwas typisch australisches?

Ich wüsste nicht. Ich glaube, das ist von Innen schwer zu sehen. Das können wohl nur Leser aus anderen Ländern, wenn es da tatsächlich einen Unterschied gibt. Da ist die Spannbreite einfach riesig: traditionelle Fantasy, Quest-Romane, brutale Fantasy, romantische Fantasy. Vielleicht ist es sogar diese Vielzahl an unterschiedlichen Romanen, die einen Unterschied ausmacht. Zumindest für einen solch kleinen Markt ist das bemerkenswert. Gerade weil Verlage lieber sichere Entscheidungen treffen.

Also ist es nicht so, dass Bücher australischer Autoren auch quasi automatisch in den USA und Großbritannien veröffentlicht werden?

Nein. Auch wenn die Verlage mittlerweile sehr gerne weltweite Rechte einkaufen heißt das nicht, dass sie die Bücher dann letztendlich auch im Ausland veröffentlichen. Eine Freundin von mir, die Science-Fiction schreibt, wird sogar in Australien nicht veröffentlicht, obwohl sie dort lebt. Also wenn ihre Freunde ihre Bücher kaufen wollen, können sie das nicht. Per Versand aus dem Ausland geht das natürlich, aber nicht mal einfach so im Laden. Normalerweise fangen wir aber in Australien an und breiten uns dann erst aus. Das ist dann sogar ein Vorteil, weil wir in die lokale Verlagslandschaft leichter reinkommen als in den USA oder Großbritannien – nicht, dass das jemals einfach wäre. Mit guten Verkaufszahlen dort können wir dann natürlich beweisen, dass wir gut sind und haben dann auch international einen Vorteil.

Jetzt ist Australien ja von Deutschland doch ein ganzes Stück entfernt und bei vielen meiner Leser vielleicht gar nicht so auf dem Schirm. Wer würden Sie sagen, sind die jungen bzw. neuen Autoren auf die wir ein Auge haben sollten?

Da könnte ich jetzt Stunden drüber reden. Da ist es eine Autorin, von der vor zehn Jahren gesagt habe, dass sie eines Tages eine fantastische Fantasy-Reihe schreiben würde, Alison Goodman. Ihre Bücher heißen in unterschiedlich in unterschiedlichen Ländern, aber ich glaube, das erste war Eon (Amazon) und das zweite Eona (Amazon). Wenn Ihnen Charlaine Harris gefällt, gibt es da noch sehr sexy und in der modernen Zeit angesiedelte Fantasy von einer Freundin von mir, Nicole Murphy (Homepage). Sie hat ein Buch geschrieben, dass nichts mit Vampiren, Werwölfen oder so zu tun hat, sondern auf keltischer Magie beruht. Da gibt es dann Figuren, die sich zwischen Irland und Australien bewegen. Sehr interessant. Dann gibt es noch eine neue Autorin Joan Anderton, die bei Angry Robot Books veröffentlich hat – überhaupt ein Verlag, der sehr viele autralische Autoren verlegt und eher ungewöhnliche Fantasy veröffentlicht. Als ich für ihr Buch Debris (Amazon) einen Blurb schreiben sollte war ich etwas nervös, wie immer wenn ich ein Buch von Freunden bewerten soll, denn was ist, wenn es mir nicht gefällt? Aber das war ein großartiges Buch! Irgendwie eine Kreuzung zwischen Blade Runner und X-Men.

Das klingt so, als sollte ich es unbedingt lesen.

Aber es ist Fantasy. Es spielt in einer großen Stadt, in der die Magier mit kleinen Artefakten Dinge herstellen. Aber natürlich gibt es dabei auch eine dunkle Seite. Auf jeden Fall ein sehr gutes Buch.

Und welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch

Mistification (Amazon) von Kaaron Warren, eine schräge Geschichte irgendwo zwischen magischem Realismus und Urban Fantasy mit leichem Horroreinschlag. Schwer zu beschreiben. Halt noch ein Buch, das Angry Robot herausgegeben hat. Vielleicht sogar ein wenig wie eine weibliche China Miéville, nur mit kürzeren Büchern. Es ist über einen Jungen, der anscheinend keine Vergangenheit hat und in einem versteckten Zimmer aufgewachsen ist, nachdem alle Anderen in seinem Waisenaus umgebracht wurden. Er wird von seiner Großmutter aufgezogen und als er schließlich entkommt, wird er zu einem echten Magier. Das ist schon sehr lustig, wenn die Menschen um ihn herum skeptisch sind und denken, hinter seine Tricks kommen zu können und dann irgendwann bemerken, dass es keine Tricks sind und er wirklich zaubern kann. In dem Buch werden auch viele folkloristische Geschichten erzählt und Hausmittelchen und Essensrezepte vorgestellt – beispielsweise wie man vor 300 Jahren versucht hat, Epilepsie zu heilen. Es gibt sogar einen Glossar am Ende des Buchs mit den Rezepten und Hausmittelchen.

Können Sie mir zum Abschluss noch Ihr Lieblingsbuch der letzten fünf Jahre verraten?

N.K Jemisin ist eine meiner Lieblingsautorinnen im Moment. Ich habe sie auf dem Imaginales-Festival in Frankreich getroffen und sie ist auch eine großartige Person. Ich saß dann manchmal da und habe die Leute angefeuert, wenn sie ihre Bücher angeschaut haben: “Kauf das. Es ist wirklich gut!” Ihre beiden Bücher habe ich wirklich genossen und freue mich auf das dritte.

Trudi Canavan, herzlichen Dank für das Gespräch.