Im Rahmen ihrer Lesetour durch Deutschland im Juni hatte ich die Gelegenheit, mich mit der autralischen Autorin Trudi Canavan über ihre Bücher und australische Fantasy zu unterhalten. Hier ist der erste Teil unseres Gesprächs:

In Interviews erzählen Sie gerne die Geschichte, wie Sie ein Bericht über die Olympischen Spiele in Barcelona 1992 zu Ihrer ersten Trilogie Die Gilde der schwarzen Magier inspiriert hat. Was war der Auslöser für den aktuellen Zyklus?

Als ich Die Gilde der schwarzen Magier fertig geschrieben habe, hatte ich zehn Jahre daran gearbeitet: Von der Olympiade 1992 bis ich 2002 das dritte Buch mit den letzten Korrekturen an den Verlag gesandt habe. Danach war ich diese Welt und diese Bücher erstmal leid. Ich wollte auch die Figuren nicht mehr sehen und habe geschworen, niemals wieder über Kyralia zu schreiben. Aber ich hatte mir schon eine kleine Idee für einen möglichen Nachfolger notiert und den Gedanken, dass der sachakanische Krieg und die Entstehung der Gilde wirklich gute Themen für einen Roman bieten würden. Nachdem ich dann vier oder fünf Jahre an Das Zeitalter der Fünf gearbeitet hatte, fand ich den Gedanken, nach Kyralia zurückzukehren nicht mehr so schlimm und hatte eine andere Idee für eine neue Reihe, die aber noch nicht ausgereift genug war. Dann habe ich mir nochmal die Ideen für den Vorgänger und den Nachfolger von Die Gilde der schwarzen Magier angeschaut und mich entschieden, die auszubauen. Den Verlagen hat diese Idee dann sehr gut gefallen.

Was war denn diese erste Idee?

Es war die Idee der Verräter-Gemeinde und von Savara, die Cery besucht – zwar aus Sachaka, aber aus einer anderen, geheimen Gesellschaft. Das war nicht nicht sonderlich ausgearbeitet – so lebten sie beispielsweise noch nicht in den Bergen. Sie waren auch noch keine weiblich dominierte Gesellschaft, das kam erst als ich ein paar Bücher mit weiblich dominierten Gesellschaften gelesen hatte, zum Beispiel von Alistair Reynolds. Das ist für mich auch weder eine utopische noch eine dystopische Idee. Es würde nicht perfekt funktionieren, denn jede Gesellschaft, jedes politische System, jede Kultur hat Mängel. Das macht sie ja überhaupt erst interessant. Für den Vorgänger hatte ich schon einen großen Teil der Geschichte im Kopf und habe dann gemerkt, dass es nicht für drei Bücher reichen würde, wohl aber für ein dickes.

Beim Lesen Ihrer Bücher hatte ich das Gefühl, dass Ihre erste Reihe eher auf jüngere Leser abgezielt hat und erst die anschließenden auf ein älteres Publikum. Steckte da ein Plan hinter?

Ich habe damals auf keinen bestimmten Markt gezielt, bin aber nicht auf die Idee gekommen, dass man die Bücher auch als YA einordnen könnte. Aber als mein britischer Verlag eine YA-Ausgabe herausgegeben hat, war das vollkommen logisch. Da habe ich dann auch gemerkt, dass einige der Dinge, die ich geschrieben hatte, diesen Schluss nahelegen: Ich hatte zum Beispiel keine Sex-Szenen in den Büchern, in erster Linie weil ich mir nicht sicher war, dass ich sie gut hätte schreiben können. Dann wird das automatisch wesentlich zugänglicher für jüngere Leser. Und dann gab es auch noch eine junge Hauptfigur. Ich habe dann entschieden, dass die nächste Serie eher für ältere Leser sein wird. Ich habe mir dann überlegt, was ich dafür tun muss und als erstes eine ältere Hauptfigur genommen, Auraya ist Mitte zwanzig. Dann wollte ich noch einfach ein wenig Sex, Drogen und Gewalt einbauen. Mittlerweile muss man aber so unglaublich brutal sein, um jüngere Leser abzuschrecken, dass ich das dann noch nicht gemacht habe. Drogen hingegen würden das Buch zu einem Problembuch machen, was ich auch nicht wollte. Da blieb dann nur noch Sex und so habe ich in jedes der drei Bücher eine Sex-Szene eingebaut. Nicht besonders detaillierte Szenen, aber sie waren da. Wenn Eltern wissen wollen, ob das Buch für ihre Kinder geeignet ist, sollen sie dann einfach den Anfang von Kapitel 20 des ersten Buches lesen und können das dann selbst einschätzen.

Ist das auch der Grund für die auffallend vielen homosexuellen Figuren in Sonea – Die Heilerin?

Nicht wirklich. Ich musste natürlich Dannyl als bereits bekannte schwule Figur wieder in die Handlung einbeziehen und um ihn in einen Konflikt zu stürzen, brauchte ich mehr schwule Figuren: Das ist auf der einen Seite sein Ex und dann eine neue Figur – und schon haben wir diese interessante Dreiecksgeschichte. Dann haben mich im Laufe der Zeit viele Leser gefragt, warum es denn keine lesbischen Figuren gebe und ich hab mir gedacht „warum nicht?“. Als ich dann eine gute Idee für eine entsprechende Handlung hatte, habe ich das eingebaut und so hat gerade dieses Buch eine recht große Zahl von solchen Figuren. Ich habe darauf auch schon einige spannende Reaktionen bekommen: Einigen Lesern fällt das überhaupt nicht auf, während andere mich fragten, ob ich das wirklich machen wollte. Ich habe mir das dann nochmal angeschaut und gesehen, dass ich es nicht übertrieben habe. Im nächsten Buch wird Lilia auch nicht mehr eine so große Rolle spielen, weil ihre Handlungslinie jetzt weitestgehend abgeschlossen ist. Denn ich vermeide es eigentlich, ein Thema aufzugreifen, nur um das Thema aufzugreifen. Für mich war es an dieser Stelle besonders wichtig, es bewusst nicht groß zu thematisieren („the point was to not make a point“). Es sollte einfach ein Teil der Welt sein. Wenn die Magie in der Welt zu real wie nur möglich erscheinen soll, muss auch alles andere in der Welt möglichst real erscheinen.

Im zweiten Teil spreche ich mit Trudi Canavan darüber, wie sie den Hintergrund ihrer Welten entwickelt und die australische Fantasy-Landschaft – natürlich mit einigen spannenden Buchtipps.

Bisher 2 Kommentare zu Interview mit Trudi Canavan, Teil 1

  1. […] ich mich im ersten Teil meines Gesprächs mit Trudi Canavan über ihr aktuelles Buch Sonea – Die Heilerin unterhalten habe, geht es […]

  2. […] Rebellin” und “Die Novizin” von Trudi Canavan. (Hier ist übrigens ein Interview mit ihr, dass der Liebste im letzten Jahr geführt […]

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