Nachdem ich mich im ersten Teil meines Gesprächs mit Trudi Canavan über ihr aktuelles Buch Sonea – Die Heilerin unterhalten habe, geht es heute um die Hintergründe ihrer Welten und die Fantasy-Szene in Australien. Am Ende hat Trudi dann natürlich auch noch ein paar Buchtipps für euch. Viel Spaß!

Die Welt von Kyralia war mittlerweile Schauplatz von sechs Romanen. Wie entwickeln Sie die Hintergrundinformationen für Ihre Welten?

Als ich die Gilde der schwarzen Magier geschrieben habe, habe ich mir ein Jugendbuch über die mittelalterliche japanische Kultur hergenommen und alle Überschriften abgeschrieben: Essen, Militär, Kleidung und so weiter und habe mir dann all die interessanten Sachen ausgedacht, auch wenn ich dann das meiste nicht verwendet habe. Wie bei einem Eisberg, bei dem nur die Spitze zu sehen ist. Dabei habe ich dann auch gelernt, wie ich zeigen kann, dass dieser Eisberg auch unter Wasser existiert, ohne das wirklich auszuformulieren. Das sind dann viele kleine Details, die den Eindruck erwecken, dass da noch mehr hintersteckt. Ich bin da aber auch effizienter geworden und muss jetzt auch nicht mehr so große Hintergrund-Dokumente erstellen.

Gehören da dann auch die Zeichnungen und Karten zu, die es auf Ihrer Homepage zu sehen gibt?

Ja, das ist auch ein Teil des Weltenbaus. Ich bin auch eine ehemalige Kartografin. Ich habe für Loney Planet Publications gearbeitet, wo ich Illustrationen und Karten gemacht habe. Da habe ich das gelernt. Ich liebe es, Karten zu zeichnen und besonders die Karten in dieser Serie. Es gibt zum Beispiel eine topografische Karte des Geländes der Gilde. In der Ecke steht dann „Diese Karte ist Eigentum der Bibliothek der Magier und darf nicht entfernt werden“. Das scheint dann so als wäre das eine echte Karte aus dem Buch. Für die Karte aus Das Zeitalter der Fünf habe ich zwei Tonstücke genommen, sie aufeinander geschoben, Berge geformt, Wasser darüber laufen gelassen und die Flüsse nachgezeichet. Das hat mir dann einen halbwegs guten Eindruck gegeben, wie sich die Platten bewegen. Als ich die Reihe dann geschrieben habe, habe ich die Karte dann aber doch ein wenig verändert, damit sie auch zur Handlung passt. Skizzen von Räumen und Karten helfen mir aber auch konkret beim Schreiben. Dann weiß ich immer genau, wo meine Figuren gerade sind.

Was zeichnet für Sie australische Fantasy gegenüber amerikanischer oder britischer aus?

Das ist wohl so etwas, das man erst wirklich bemerkt, wenn man außerhalb des Landes ist. Gerade auf der aktuellen Tour sind mir da ein paar Dinge aufgefallen, die mir vorher noch nicht so klar waren: Eine Sache ist, dass im Internet diskutiert wurde, dass Fantasy in Amerika und Großbritannien in erster Linie von Männern geschrieben, von Männern rezensiert und wohl auch von Männern gelesen wird. In Australien hat das jeden, mit dem ich gesprochen habe, verwundert. Weil das bei uns überwiegend weibliche Autorinnen sind und auch die allgemeine Meinung herrscht, dass Frauen eher Fantasy lesen und Männer eher Science-Fiction. Das stimmt zwar nicht so ganz, aber trotzdem haben wir eben wesentlich mehr weibliche Fantasy-Autoren. In Polen habe ich dann herausgefunden, dass meine Bücher dort ein lange gehegtes Vorurteil durchbrochen haben, dass Fantasy nur von Männern für Männer geschrieben wird. Mein Verlag hat dort einfach genau den richtigen Zeitpunkt getroffen und mir eine riesige weibliche Leserschaft gesichert. Frauen, die vorher keine Fantasy-Romane gelesen haben und sie wegen meiner Bücher jetzt lesen. Das freut mich natürlich sehr. Ich hoffe nur, dass sie auch weiterhin möglichst viele gute Fantasy-Bücher lesen.

Gibt es denn innerhalb der Geschichten etwas typisch australisches?

Ich wüsste nicht. Ich glaube, das ist von Innen schwer zu sehen. Das können wohl nur Leser aus anderen Ländern, wenn es da tatsächlich einen Unterschied gibt. Da ist die Spannbreite einfach riesig: traditionelle Fantasy, Quest-Romane, brutale Fantasy, romantische Fantasy. Vielleicht ist es sogar diese Vielzahl an unterschiedlichen Romanen, die einen Unterschied ausmacht. Zumindest für einen solch kleinen Markt ist das bemerkenswert. Gerade weil Verlage lieber sichere Entscheidungen treffen.

Also ist es nicht so, dass Bücher australischer Autoren auch quasi automatisch in den USA und Großbritannien veröffentlicht werden?

Nein. Auch wenn die Verlage mittlerweile sehr gerne weltweite Rechte einkaufen heißt das nicht, dass sie die Bücher dann letztendlich auch im Ausland veröffentlichen. Eine Freundin von mir, die Science-Fiction schreibt, wird sogar in Australien nicht veröffentlicht, obwohl sie dort lebt. Also wenn ihre Freunde ihre Bücher kaufen wollen, können sie das nicht. Per Versand aus dem Ausland geht das natürlich, aber nicht mal einfach so im Laden. Normalerweise fangen wir aber in Australien an und breiten uns dann erst aus. Das ist dann sogar ein Vorteil, weil wir in die lokale Verlagslandschaft leichter reinkommen als in den USA oder Großbritannien – nicht, dass das jemals einfach wäre. Mit guten Verkaufszahlen dort können wir dann natürlich beweisen, dass wir gut sind und haben dann auch international einen Vorteil.

Jetzt ist Australien ja von Deutschland doch ein ganzes Stück entfernt und bei vielen meiner Leser vielleicht gar nicht so auf dem Schirm. Wer würden Sie sagen, sind die jungen bzw. neuen Autoren auf die wir ein Auge haben sollten?

Da könnte ich jetzt Stunden drüber reden. Da ist es eine Autorin, von der vor zehn Jahren gesagt habe, dass sie eines Tages eine fantastische Fantasy-Reihe schreiben würde, Alison Goodman. Ihre Bücher heißen in unterschiedlich in unterschiedlichen Ländern, aber ich glaube, das erste war Eon (Amazon) und das zweite Eona (Amazon). Wenn Ihnen Charlaine Harris gefällt, gibt es da noch sehr sexy und in der modernen Zeit angesiedelte Fantasy von einer Freundin von mir, Nicole Murphy (Homepage). Sie hat ein Buch geschrieben, dass nichts mit Vampiren, Werwölfen oder so zu tun hat, sondern auf keltischer Magie beruht. Da gibt es dann Figuren, die sich zwischen Irland und Australien bewegen. Sehr interessant. Dann gibt es noch eine neue Autorin Joan Anderton, die bei Angry Robot Books veröffentlich hat – überhaupt ein Verlag, der sehr viele autralische Autoren verlegt und eher ungewöhnliche Fantasy veröffentlicht. Als ich für ihr Buch Debris (Amazon) einen Blurb schreiben sollte war ich etwas nervös, wie immer wenn ich ein Buch von Freunden bewerten soll, denn was ist, wenn es mir nicht gefällt? Aber das war ein großartiges Buch! Irgendwie eine Kreuzung zwischen Blade Runner und X-Men.

Das klingt so, als sollte ich es unbedingt lesen.

Aber es ist Fantasy. Es spielt in einer großen Stadt, in der die Magier mit kleinen Artefakten Dinge herstellen. Aber natürlich gibt es dabei auch eine dunkle Seite. Auf jeden Fall ein sehr gutes Buch.

Und welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch

Mistification (Amazon) von Kaaron Warren, eine schräge Geschichte irgendwo zwischen magischem Realismus und Urban Fantasy mit leichem Horroreinschlag. Schwer zu beschreiben. Halt noch ein Buch, das Angry Robot herausgegeben hat. Vielleicht sogar ein wenig wie eine weibliche China Miéville, nur mit kürzeren Büchern. Es ist über einen Jungen, der anscheinend keine Vergangenheit hat und in einem versteckten Zimmer aufgewachsen ist, nachdem alle Anderen in seinem Waisenaus umgebracht wurden. Er wird von seiner Großmutter aufgezogen und als er schließlich entkommt, wird er zu einem echten Magier. Das ist schon sehr lustig, wenn die Menschen um ihn herum skeptisch sind und denken, hinter seine Tricks kommen zu können und dann irgendwann bemerken, dass es keine Tricks sind und er wirklich zaubern kann. In dem Buch werden auch viele folkloristische Geschichten erzählt und Hausmittelchen und Essensrezepte vorgestellt – beispielsweise wie man vor 300 Jahren versucht hat, Epilepsie zu heilen. Es gibt sogar einen Glossar am Ende des Buchs mit den Rezepten und Hausmittelchen.

Können Sie mir zum Abschluss noch Ihr Lieblingsbuch der letzten fünf Jahre verraten?

N.K Jemisin ist eine meiner Lieblingsautorinnen im Moment. Ich habe sie auf dem Imaginales-Festival in Frankreich getroffen und sie ist auch eine großartige Person. Ich saß dann manchmal da und habe die Leute angefeuert, wenn sie ihre Bücher angeschaut haben: „Kauf das. Es ist wirklich gut!“ Ihre beiden Bücher habe ich wirklich genossen und freue mich auf das dritte.

Trudi Canavan, herzlichen Dank für das Gespräch.

Im Rahmen ihrer Lesetour durch Deutschland im Juni hatte ich die Gelegenheit, mich mit der autralischen Autorin Trudi Canavan über ihre Bücher und australische Fantasy zu unterhalten. Hier ist der erste Teil unseres Gesprächs:

In Interviews erzählen Sie gerne die Geschichte, wie Sie ein Bericht über die Olympischen Spiele in Barcelona 1992 zu Ihrer ersten Trilogie Die Gilde der schwarzen Magier inspiriert hat. Was war der Auslöser für den aktuellen Zyklus?

Als ich Die Gilde der schwarzen Magier fertig geschrieben habe, hatte ich zehn Jahre daran gearbeitet: Von der Olympiade 1992 bis ich 2002 das dritte Buch mit den letzten Korrekturen an den Verlag gesandt habe. Danach war ich diese Welt und diese Bücher erstmal leid. Ich wollte auch die Figuren nicht mehr sehen und habe geschworen, niemals wieder über Kyralia zu schreiben. Aber ich hatte mir schon eine kleine Idee für einen möglichen Nachfolger notiert und den Gedanken, dass der sachakanische Krieg und die Entstehung der Gilde wirklich gute Themen für einen Roman bieten würden. Nachdem ich dann vier oder fünf Jahre an Das Zeitalter der Fünf gearbeitet hatte, fand ich den Gedanken, nach Kyralia zurückzukehren nicht mehr so schlimm und hatte eine andere Idee für eine neue Reihe, die aber noch nicht ausgereift genug war. Dann habe ich mir nochmal die Ideen für den Vorgänger und den Nachfolger von Die Gilde der schwarzen Magier angeschaut und mich entschieden, die auszubauen. Den Verlagen hat diese Idee dann sehr gut gefallen.

Was war denn diese erste Idee?

Es war die Idee der Verräter-Gemeinde und von Savara, die Cery besucht – zwar aus Sachaka, aber aus einer anderen, geheimen Gesellschaft. Das war nicht nicht sonderlich ausgearbeitet – so lebten sie beispielsweise noch nicht in den Bergen. Sie waren auch noch keine weiblich dominierte Gesellschaft, das kam erst als ich ein paar Bücher mit weiblich dominierten Gesellschaften gelesen hatte, zum Beispiel von Alistair Reynolds. Das ist für mich auch weder eine utopische noch eine dystopische Idee. Es würde nicht perfekt funktionieren, denn jede Gesellschaft, jedes politische System, jede Kultur hat Mängel. Das macht sie ja überhaupt erst interessant. Für den Vorgänger hatte ich schon einen großen Teil der Geschichte im Kopf und habe dann gemerkt, dass es nicht für drei Bücher reichen würde, wohl aber für ein dickes.

Beim Lesen Ihrer Bücher hatte ich das Gefühl, dass Ihre erste Reihe eher auf jüngere Leser abgezielt hat und erst die anschließenden auf ein älteres Publikum. Steckte da ein Plan hinter?

Ich habe damals auf keinen bestimmten Markt gezielt, bin aber nicht auf die Idee gekommen, dass man die Bücher auch als YA einordnen könnte. Aber als mein britischer Verlag eine YA-Ausgabe herausgegeben hat, war das vollkommen logisch. Da habe ich dann auch gemerkt, dass einige der Dinge, die ich geschrieben hatte, diesen Schluss nahelegen: Ich hatte zum Beispiel keine Sex-Szenen in den Büchern, in erster Linie weil ich mir nicht sicher war, dass ich sie gut hätte schreiben können. Dann wird das automatisch wesentlich zugänglicher für jüngere Leser. Und dann gab es auch noch eine junge Hauptfigur. Ich habe dann entschieden, dass die nächste Serie eher für ältere Leser sein wird. Ich habe mir dann überlegt, was ich dafür tun muss und als erstes eine ältere Hauptfigur genommen, Auraya ist Mitte zwanzig. Dann wollte ich noch einfach ein wenig Sex, Drogen und Gewalt einbauen. Mittlerweile muss man aber so unglaublich brutal sein, um jüngere Leser abzuschrecken, dass ich das dann noch nicht gemacht habe. Drogen hingegen würden das Buch zu einem Problembuch machen, was ich auch nicht wollte. Da blieb dann nur noch Sex und so habe ich in jedes der drei Bücher eine Sex-Szene eingebaut. Nicht besonders detaillierte Szenen, aber sie waren da. Wenn Eltern wissen wollen, ob das Buch für ihre Kinder geeignet ist, sollen sie dann einfach den Anfang von Kapitel 20 des ersten Buches lesen und können das dann selbst einschätzen.

Ist das auch der Grund für die auffallend vielen homosexuellen Figuren in Sonea – Die Heilerin?

Nicht wirklich. Ich musste natürlich Dannyl als bereits bekannte schwule Figur wieder in die Handlung einbeziehen und um ihn in einen Konflikt zu stürzen, brauchte ich mehr schwule Figuren: Das ist auf der einen Seite sein Ex und dann eine neue Figur – und schon haben wir diese interessante Dreiecksgeschichte. Dann haben mich im Laufe der Zeit viele Leser gefragt, warum es denn keine lesbischen Figuren gebe und ich hab mir gedacht „warum nicht?“. Als ich dann eine gute Idee für eine entsprechende Handlung hatte, habe ich das eingebaut und so hat gerade dieses Buch eine recht große Zahl von solchen Figuren. Ich habe darauf auch schon einige spannende Reaktionen bekommen: Einigen Lesern fällt das überhaupt nicht auf, während andere mich fragten, ob ich das wirklich machen wollte. Ich habe mir das dann nochmal angeschaut und gesehen, dass ich es nicht übertrieben habe. Im nächsten Buch wird Lilia auch nicht mehr eine so große Rolle spielen, weil ihre Handlungslinie jetzt weitestgehend abgeschlossen ist. Denn ich vermeide es eigentlich, ein Thema aufzugreifen, nur um das Thema aufzugreifen. Für mich war es an dieser Stelle besonders wichtig, es bewusst nicht groß zu thematisieren („the point was to not make a point“). Es sollte einfach ein Teil der Welt sein. Wenn die Magie in der Welt zu real wie nur möglich erscheinen soll, muss auch alles andere in der Welt möglichst real erscheinen.

Im zweiten Teil spreche ich mit Trudi Canavan darüber, wie sie den Hintergrund ihrer Welten entwickelt und die australische Fantasy-Landschaft – natürlich mit einigen spannenden Buchtipps.