Wenn die Nacht am tiefsten

(Loewe 2005, 294 Seiten, 3-785-55388-9)

Wäre Geschichtsunterricht immer so interessant, dann dürfte das Fach bei vielen Schülern wohl ganz oben in der Hitliste stehen.

Caesar und Kleopatra – zwei Namen, die Geschichte geschrieben haben. Er der große Mann Roms, sie die unglaubliche Königin Ägyptens, die letzte wirkliche Pharaonin. Beide wurden von zahlreichen Filmemachern in Szene gesetzt. Elisabeth Taylor, Richard Burton – zwei Namen, zwei Gesichter – aber eben ein Hollywood-Epos, dem oftmals der Realtitätsbezug fehlt. Junge Menschen nähern sich Caesar und Kleopatra vor allen Dingen im Geschichtsunterrricht. Zwei trockene Figuren, denen die Leidenschaft fehlt. Schlimmer kann es dann nur noch im Lateinunterricht kommen: „Veni, vidi, vici – ich kam, sah und siegte“ soll Caesar nach dem Sieg über Pharnaces bei Zela einst ausgerufen haben. „Veni, vidi, vici“, ließe sich auch über dem Roman von Waldtraut Lewin Wenn die Nacht am tiefsten sagen, der sich an eine Leserschaft ab zwölf Jahren wendet. Es ist ein Buch, das Geschichte lebendig werden lässt, das Caesar und Kleopatra nach mehr als 2000 Jahren Leben einhaucht, sie zu realen Personen werden lässt, sie zu einem „ich und du“ macht. Allerdings erfordert das Buch, das die historische Liebe der beiden großen Persönlichkeiten erzählt, schon ein wenig Durchhaltevermögen. 294 Seiten sind schließlich kein Pappenstil. Aber das Durchhalten lohnt sich, denn der Erzählstil Waldtraut Lewins gibt dem Roman durchaus die richtige Würze. Bei der Beschreibung einer Soße, die dem orientalischen Gaumen der Königin Kleopatra einfach nur zu wider ist, heißt es beispielsweise „…und die Römer gossen sie so freizügig über ihr Essen, wie man heute Fastfood mit Ketschup einmanscht …“. Lewin hat keine Berührungsängst, lässt Kleopatra frei weg erzählen, gibt Bezüge zur heutigen Zeit, erinnert an politische Morde der Gegenwart, kommentiert, erklärt – und bleibt nur dann in Mutmaßungen über das Leben des großen Feldherren und der Pharaonin stecken, wenn es keine wirklichen historischen Belege für das Handeln gibt. Der Roman „Wenn die Nacht am tiefsten“ ist in zwei Teile untergliedert. Zunächst einmal schildert Waldtraut Lewin das Leben Kleopatras in Alexandria, der großen, weltoffenen Metropole Ägytpens. Die Probleme des Herrschergeschlechts der Ptolemäer, der Familie Kleopatras, sind heute schwer nachvollziehbar. Da geht es um Geschwistermord, Gottkönige und gnadenlose Machtkämpfe. Lewin lässt den Leser eintauchen in die Zeit vor Christi Geburt, lässt ihn an dem Tag dabei sein, an dem sich Caesar und Kleopatra das erste Mal begegnet. Sie führt ein in die Sitten und Gebräuche eines Landes, die uns heute so fern sind. Später dann, in Rom, im zweiten Teil des Buches, ist Kleopatra weniger Königin als viel mehr Geliebte des bedeutendsten Staatsmannes seiner Zeit. Gemeinsam träumen sie von einer Weltherrschaft, die zum Greifen nahe scheint und in der die verschiedenen Völker gleichberechtigt nebeneinander existieren können – eine Verbindung Orient und Oxident. Es bleibt ein Traum, denn das Schicksal vieler Generationen, so ist sich Lewin sicher, wird durch einen feigen Meuchelmord besiegelt.

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