Interessanter neuer Fall für einen diesmal recht angeschlagenen Brunetti.

Der venezianische Commissario Guido Brunetti untersucht in diesem Roman einen scheinbaren Selbstmord an einer elitären venezianischen Militärakademie: dort wurde ein junger Mann, Ernestor Moro, erhängt aufgefunden. Der Vater des Toten war eine Seltenheit in der italienischen Politik – ein integrer und grundehrlicher Arzt, der sich mit einigen ungequemen Berichten Feinde gemacht hat. Genau diese Tatsache nutzt Brunetti aus, um seinem Chef gegenüber eine weitere Untersuchung zu rechtfertigen, denn er glaubt nicht an einen Selbstmord. Dass der Tote in etwa im gleichen Alter wir Brunettis Sohn Raffi ist, macht die Untersuchung für Brunetti nicht einfach, dazu kommt, dass keiner ihm irgendetwas sagen will. Dass Ernestos Lehrer und Mitschüler eventuell etwas zu verschweigen haben, leuchtet ihm ein, aber dass selbst der Vater bei der Aufklärung des Todes seines Sohnes nicht mithelfen will, ist Brunetti unerklärlich. So ist er noch mehr als sonst auf die Hilfe von Signorina Elettra angewiesen, der Sekretärin seines Chefs, vor der offenbar keine Datenbank und kein Archiv sicher ist.

Wieder einmal hat Donna Leon es geschafft, Brunetti auf einen interessanten Fall anzusetzen. Der sympathischen Kommissar aus Venedig ist diesmal recht mitgenommen, nicht nur aus unausgesprochener Angst um seinen Sohn, sondern auch, weil ihm der Kontakt mit dem Militär – verständlicherweise – nicht angenehm ist. So wird nicht nur seine Rolle als Familienvater deutlicher als in manchen früheren Romanen aus dieser Reihe, auch seine kritische Haltung gegenüber der italienischen Politik und noch mehr gegenüber dem Militär macht die Autorin sehr gut deutlich. Fast will er resignieren („There’s no justice here“), aber dann will er doch – wie immer – die Wahrheit herausbekommen, was auch immer es später nützt. Und so macht er sich mit seinem üblichen psychologischen Spürsinn an die beschwerlichen Ermittlungen. Auch in diesem Roman erlebt Brunetti wieder Neid und Machtkämpfe unter den Kollegen innerhalb der Questura, und er schafft es – geschickt wie immer – seinen Chef Vice-Questore Patta von seinen Methoden zu überzeugen. Eine Warnung ist allerdings nötig: wer gerade eine Diät macht, könnte bei den detailreichen Schilderungen, was im Hause Brunetti köstliches auf den Tisch kommt, ungewollte Heißhunger-Attacken erleben.

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