Ein schönes, modernes Märchen, das der heutigen Gesellschaft an mancher Stelle einen Spiegel vorhält und dabei noch vorzüglich zu unterhalten weiß.

Der Planet Woanders stellt für die Menschen die letzte Zufluchtsstätte vor den Göttern von Hobbs Land dar. Das Ziel der Menschen auf diesem Planten ist es, die große Frage zu beantworten: „Was ist das letztendliche Ziel der Menschheit?“ Um diese Frage zu beantworten ist auf dem Planeten die Vielfalt das höchste Gut, das über Alles gestellt wird. In der Stadt Toleranz hat der Rat seinen Sitz, dessen Beauftragte dafür verantwortlich sind, für eine Einhaltung des Status quo zu sorgen. Dabei schrecken sie auch nicht davor zurück, absichtlich Krankheiten in einer der autarken Provinzen ausbrechen zu lassen, wenn diese Provinz sich an der Vielfalt vergeht. Innerhalb der Provinzen wird jedoch alles toleriert. Seien es Kinderopfer oder die gnadenlose Unterdrückung der Frauen. Solche Zustände werden von den Beauftragten als unabdingbarer Teil der nahezu heiligen Vielfalt gesehen. In dieser Situation treten nun die Hauptdarsteller des Romans auf. Fringe, ein ehemaliges Gassenmädchen, welches von dem Beauftragten Zasper Erington von der Strasse geholt wurde, Danivon Luze, den Zasper einstmals davor gerettet hatte, einem Gott geopfert zu werden und die siamesischen Zwillinge Nela und Bertran, die durch eines der rätselhaften Arbai Tore auf dem Planeten gelandet sind. An ihnen liegt es merkwürdige Vorgänge in der bisher unerforschten Provinz Panubi zu ergründen. Dabei stoßen sie auf Wesen, die bereits seit Tausenden Jahren im Verborgenen Leben und von denen nicht einmal der Kommandeur, der Vorsitzende des Rates etwas weiß.

Dieses Buch als reine Science Fiction abzutun, würde ihm nicht gerecht werden. Es ist vielmehr ein gut erzähltes Märchen, welches in der Zukunft angesiedelt ist. Mit dem Planeten Woanders schafft Sheri S. Tepper eine faszinierende Welt, in der alle Spielarten menschlicher Perversitäten enthalten sind. Es gibt Provinzen, in denen Kinder geopfert werden und deren Köpfe dann auf Spießen zur Schau gestellt werden. Es gibt Provinzen in denen Frauen sich im Normalfall nicht einmal in der Nähe von Männern aufhalten dürfen. All diese Provinzen leben gleichberechtigt nebeneinander und dürfen sich nicht in die Belange der Nachbarprovinzen einmischen. Die Beauftragte dienen nur dazu, die Provinzen voneinander abzuschotten und unerwünschte Übergriffe zu verhindern. Was innerhalb der Provinzen vorgeht, wird von ihnen nicht beachtet (was die drei Affen auf dem Titelbild sehr gut symbolisieren: „nichts hören“;“nichts sehen“;“nichts sagen“). Wohin ein solches Verhalten führen kann zeigt die Autorin deutlich. Auf der Welt entwickelt sich, von allen unbemerkt eine Macht, die den Planeten an den Rand der Vernichtung treibt. Stilistisch kann man Sheri S. Tepper in diesem Buch überhaupt keinen Vorwurf machen. Sie schreibt in einer Art, dass es dem Leser immer schwerer fällt, das Buch aus der Hand zu legen, je mehr er in die phantastische Welt eintaucht. Ein wenig gestört hat mich an dem Buch, dass die Personen im Verlaufe der Handlung flach bleiben. Tepper geht zwar auf ihre Gedankenwelt ausreichend ein, doch im Nachhinein wirken ihre Handlungen ein wenig unmotiviert. Dafür stattet die Autorin sie mit einem sehr glaubwürdigen Background aus, was diesen Umstand schnell vergessen macht. Die Person(en) der Nela – Bertran, des verbundenen Zwillingspaars war für mich besonders faszinierend. Da Tepper an ihnen auch zeigt, das es durchaus besser sein kann, wenn Träume nicht in Erfüllung gehen, sondern Träume bleiben.

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