Sturz der Titanen (Fall of Giants)

, Teil 1

(Lübbe 2010, 1024 Seiten, 978-3-7857-2406-4)

Mehr erzählte Geschichte als historischer Roman, aber die 1000 Seiten lohnen sich auf jeden Fall.

Sturz der Titanen von Ken FollettErster Satz: An dem Tag, als George V. in der Westminster Abbey den Thron bestieg, fuhr Billy Williams zum ersten Mal in die Grube von Aberowen ein.

Ken Follett ist sicherlich einer der großen Unterhaltungsautoren unserer Zeit. Angefangen bei seinen Spionage-Romanen (z.B. Die Nadel oder Die Leopardin) über aktuelle Thriller (Die Kinder von Eden oder Der dritte Zwilling) und natürlich historische Romane (Die Säulen der Erde, Die Pfeiler der Macht) ist er in vielen Genres zuhause. Mein persönlicher Favorit sind jedoch seine historischen Romane und Die Säulen der Erde gehört immer noch zu  meinen absoluten Lieblingsbüchern. Daher war ich sehr froh, als auf der Homepage von Lübbe die Ankündigung seines neuesten Romans auftauchte: Ein farbenprächtiges Porträt der europäischen Geschichte des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Nachdem das Rezensionsexemplar (herzlichen Dank dafür an Lübbe) schon kurz vor dem Erscheinungstermin im Briefkasten lag, hat mich ein spontaner Masernausbruch leider daran gehindert, mich sofort in die Seiten zu vertiefen. Diese Woche war ich dann zwar immer noch krank, aber fit genug, um mich von Follett hundert Jahre in die Vergangenheit entführen zu lassen.

In diesem Wälzer nimmt sich Follett ein paar europäische Familien und Figuren und schickt sie durch die Entstehung, den Verlauf und die Nachwehen des Ersten Weltkriegs. Da er dabei sowohl deutsche, als auch britische, russische und amerikanische Figuren in den Mittelpunkt rückt, kann er den Leser an die Hand nehmen und durch die geschichtlichen Ereignisse dieser Zeit führen: Da ist der britische Earl, für den Krieg eine Frage der britischen Ehre und des Bestandes des Empires ist, der walisische Bergmann, der als Soldat in den Schützengräben Frankreichs und Belgiens kämpft, der russische Arbeiter, der zu einem Vorkämpfer der Oktoberrevolution wird und der deutsche Offizier, der gegen den Willen seines erzpreußischen Vaters eine geheime Beziehung zu einer Engländerin (der Schwester des oben erwähnten Earls) unterhält. Ach ja, nicht zu vergessen, die Schwester des Bergarbeiters, die von besagtem Earl geschwängert wird und beginnt, für die Rechte der Frauen einzutreten, der junge Berater des amerikanischen Präsidenten und der russische Emigrant, der sich in den USA mit einer zwielichtigen Familie einlässt. So hat Follett ein buntes Repertoire an Figuren, die es ihm ermöglichen, den Leser sowohl zu den Friedensverhandlungen in Versailles als auch in die Hinterzimmer der russischen Revolution und die inoffiziellen Empfänge der britischen Aristokratie mitzunehmen.

Trotz dieser vielversprechenden Ausgangsposition und seinen Fähigkeiten, eine Geschichte zu erzählen, hat mich Follett mit Sturz der Titanen nicht restlos überzeugen können: Zu deutlich scheint in dem Roman durch, dass die Figuren in erster Linie dazu da sind, den Leser an die entscheidenden Stellen der Geschichte mitzunehmen. Auf diese Weise wirkt der Roman oft eher wie ein sehr gut und sehr unterhaltsam geschriebenes Geschichtsbuch als wie ein “echter” Roman. Auch dass Follett seine Hintergründe außerordentlich gut recherchiert hat und selbst schreibt: “Entweder ist die Szene so geschehen, oder sie hätte so geschehen können.” weist darauf hin, dass hier wenig dichterische Freiheit zu finden ist. Dadurch wird die Handlung leider sehr vorhersehbar, da sich Follett auf die historischen Ereignisse konzentriert und seine Figuren doch über weite Strecken ein wenig stiefmütterlich behandelt. Auch sind es für meinen Geschmack zu viele Zufälle, die die unterschiedlichen Personen im Laufe des Romans und der Geschichte immer wieder aufeinandertreffen lassen.

Gleichzeitig gelingt es ihm jedoch, die Atmosphäre der Zeit hervorragend einzufangen: Angefangen bei seinem stimmungsvollen Einstieg mit einer Schilderung des Lebens in einer walisischen Bergbausiedlung bis hin zu sprachlichen Besonderheiten, die er seinen Figuren verpasst. Gerade die Zeit, in der sich der Krieg anbahnt, obwohl ihn eigentlich niemand so wirklich will, ist mir in einigen Szenen ein Schauer über den Rücken gelaufen, weil ich eben schon wusste, dass alle Hoffnung auf eine friedliche Lösung vergeblich sein wird. Hier setzt dann der Titanic-Effekt ein: Jeder weiß, wie es ausgeht doch trotzdem – oder gerade deswegen – kann man das Buch kaum aus der Hand legen.

Insgesamt kann ich Sturz der Titanen jedem empfehlen, der sich für Geschichte interessiert und der gerne gut recherchierte historische Romane liest. Das Buch ist jedoch in einen meinen Augen eher eine erzählte Geschichte als ein typischer historischer Roman, liefert aber eine spannende und detaillierte Beschreibung des Ersten Weltkriegs, seiner Entstehung und seiner Konsequenzen.

BC Challenge-Banner Das Buch war für mich gleichzeitig der erste Schritt auf der Challenge Der Geschichte auf der Spur (meine Leseliste) und ich kann damit die Station Erster Weltkrieg abhaken.

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Bisher ein Kommentar zu Sturz der Titanen von Ken Follett

  1. Kirsten sagt:

    Mich reißt das Buch leider überhaupt nicht mit. Ich bin jetzt halb durch und kämpfe um jede Seite. Mir fehlt einfach der interressante Faden in diesem Buch. Äußerst einfallslos (unwarscheinlich) finde ich das Zusammentreffen der Hauptfiguren an der Front. So überschauber war der Krieg ja nun nicht. Zwischendurch wird mal wieder zu den Frauen rübergeplenkelt – da passiert auch nichts. Nach „Die Säulen der Erde“ und „Die Tore der Welt“ eine echte Enttäuschung.

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