Insgesamt gelingt Lukinanenko mit Sternenspiel der Spagat, anspruchsvolle Themen und Gedanken in einer einfachen Geschichte jedoch ausgesprochen gut. Da mir sein "russischer" Erzählstil zudem sehr gut gefällt, kann ich Buch und Hörbuch guten Gewissens weiterempfehlen.

Die Welt von Pjotr Chrumov ist zwar nicht schön, aber einfach: Als Frachterpilot karrt er Waren für die anderen Rassen des Konklaves durch die Gegend. Damit hat er es sich in der Nische bequem gemacht, die der Menschheit als „schwacher Rasse“ im streng organisierten Konklave zugestanden wird — dem Sprung zwischen den Planetensystemen, den die Menschen als einziges Volk überleben können. Entsprechend groß ist seine Überraschung, als er unmittelbar nach einem Sprung Geräusche in seinem Schiff hört: ein Zähler hatte sich hinter einer Verkleidung versteckt und den Sprung offensichtlich überlebt. Er berichtet Pjotr von dem Versuch der Alari und der Zähler, sich gegen die „starken Rassen“, die das Konklave beherrschen, aufzulehnen und dafür Verbündete zu suchen. Dazu sind die beiden Rassen auf die Menschen angewiesen, da nur diese den Sprung durchführen können. Nach einer Bruchlandung außerhalb der irdischen Raumhäfen treffen die beiden auf Pjotrs Großvater und seine Assistentin Mascha, die sich der Mission anschließen — allerdings ohne die Rückendeckung der offiziellen Stellen. Pjotr schließt sich dieser Mission nur widerwillig an, wird jedoch schnell zu ihrer zentralen Figur — als Geheimagent in einem fremden Körper auf einem Planeten, der der Erde gleichzeitig sehr ähnlich und sehr fremd ist.

Berühmt geworden ist Sergej Luikianenko in Deutschland ja für seine Wächter der Nacht-Trilogie, mit der er auch einen Anstoß für die aktuelle Vampir- und Urban-Fantasy-Welle geleistet hat. Mich hat Wächter der Nacht damals nicht wirklich überzeugen können, aber Lukianenkos Science-Fiction-Romane reißen das locker wieder raus. Mit Sternenspiel liegt hier ein früheres Buch von ihm vor, das ich mir in der exzellent umgesetzten Hörbuchversion von Audible zu Gemüte geführt habe. Bevor ich mich mit dem Roman sich befasse daher hier ein paar Worte zur Hörbuchumsetzung: Da mich gekürzte Versionen immer irgendwie abschrecken, freut es mich natürlich, dass sich Audible die Mühe gemacht hat, das gesamte Buch ungekürzt mit einem sehr guten Sprecher — David Nathan — zu vertonen. Hinzu kommt, dass sich Lukianenkos Erzählstruktur sehr gut für die Umsetzung als Hörbuch eignen: eine linear erzählte Geschichte mit relativ wenigen Figuren und Fraktionen, in der man auch dann gut den Überblick behält, wenn man sich mal nicht so genau auf die Geschichte konzentrieren kann, beispielsweise auf Bahnfahrten oder beim Abwaschen. Bei sehr komplexen Büchern verliere ich hier doch immer wieder den Überblick.

Aber nun zurück zum Buch: Mir hat Schattenspiel äußerst gut gefallen, was zum einen an Lukianenkos Sprache liegt, die in einem mal süffisanten, mal sardonischen Ton immer ein wenig Distanz zum Geschehen vermittelt, auch wenn die Geschichte aus der Ich-Perspektive Pjotr Chrumovs erzählt wird. Dabei schwingt immer eine gewisse Melancholie mit, die mir auch in den Büchern von Vladimir Sorokin und der — streng genommen litauischen — Jurga Ivanauskaite bereits aufgefallen ist, und die man vielleicht als „typisch russisch“ bezeichnen könnte.

Die Welt, die Lukianenko auf diese Weise schafft ist zwar auf der einen Seite bunt und voll unterschiedlichem Leben, die Ich-Perspektive des Romans verengt den Blick hier jedoch sehr stark und verhindert damit auch, dass Sternenspiel als Space Opera gesehen werden kann. In meinen Augen stellt es vielmehr einen Agentenroman mit Science-Fiction-Hintergrund und starkem sozialphilosophischem Einschlag dar. Wie auch schon in Spektrum desselben Autors geht es dabei um Menschen, die von außen in eine Rolle gedrängt werden, bis sie beginnen, sich dagegen aufzubegehren. So sind es in diesem Roman die Menschen als eine der schwachen Rassen gegen die starken Rassen des Konklaves, aber gleichzeitig auch Pjotr, der sich gegen seinen Großvater auflehnt und Nik Riemer (wer das ist wird an dieser Stelle nicht verraten), der nicht nur seinen Ausbilder, sondern das gesamte Gesellschaftssystem seiner Heimat offen infrage stellt.

Mit der menschenähnlichen Rasse der Geometer, auf die Pjotr im Laufe seiner Reise trifft und auf deren Planeten er sowohl ein Ausbildungscamp als auch ein als „Sanatorium“ bezeichnetes Arbeitslager kennenlernt schafft Lukianenko eine spannende negative Dystopie nach dem Motto „Glück ohne Freiheit“: Kinder werden in staatlichen Lagern von Ausbildern erzogen, die die höchste moralische Instanz der Gesellschaft darstellen. Wer sie hinterfragt, oder sich ihnen offen entgegenstellt endet in einem Sanatorium, doch die Indoktrination ist so stark, dass dies nur selten geschieht. Nik Riemers Affront, seinen Ausbilder gar mit einer Ohrfeige körperlich anzugreifen, wird damit bereits zu einer besonders scharfen Form des Widerstands. Nach außen hin verbreiten die Geometer ihr Gesellschaftsmodell, in dem sie andere Völker in ihrer Entwicklung weit zurückwerfen und sie dann nach ihren Grundsätzen neu aufbauen.

Man merkt schon an dieser kurzen Zusammenfassung, dass Sternenspiel viele Ansätze für spannende Gedanken und Diskussionen liefert, die es nur in Ansätzen ausformuliert. Trotzdem war es mir an manchen Stellen schon zu auffallend anspruchs- und inhaltsvoll. Darüber vergisst Lukianenko zudem leider oft, die Figuren auszubauen und ihre Entwicklung nachzuzeichnen — für mich neben der Ähnlichkeiten zu Spektrum aber der einzige wirkliche Schwachpunkt.

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