Humans became mere bodies, flecks of dust residing on a chunk of rock orbiting a small and insignificant star in the outer suburbs of a very mundane galaxy. –Margaret Wertheim

Seeing Further

(Harper Collins 2010, 496 Seiten, 978-0007302567)

Lehrreiche und unterhaltsame Artikelsammlung zur Geschichte der modernen Wissenschaft, die stark anfängt, aber leider deutlich nachlässt.

Vor 350 Jahren wurde in London die Royal Society gegründet. Eine Einrichtung, die sich noch heute dem (natur)wissenschaftlichen Fortschritt verschrieben hat und diesen auch dem Laien verständlich vermitteln will. Dementsprechend gibt es kaum jemand, der besser geeignet wäre, die Geschichte dieser ehrwürdigen Gesellschaft zu erzählen, als Bill Bryson, der mit seinem Eine kurze Geschichte von fast allem bewiesen hat, dass er komplexe Materie anschaulich und unterhaltsam vermitteln kann; auch wenn mich dieses Buch damals erst als Hörbuch wirklich überzeugen konnte. In Seeing Further hat Bryson aber auch nicht selbst zur Tastatur gegriffen, sondern trägt 21 Essays unterschiedlicher Autoren zusammen, die sich im englischsprachigen Raum anscheinend einen Namen als Wissenschaftsjournalisten oder -autoren gemacht haben. Dem deutschen Publikum sind davon wahrscheinlich nur Margaret Atwood, Neal Stephenson, Richard Dawkins bekannt und vielleicht noch Ian Stewart und dem Science-Fiction-Fan Gregory Benford.

Das Buch beginnt, wie könnte es anders sein, mit den Anfängen der Akademie, den Entdeckungen Isaac Newtons und der Entstehung des modernen Verständnisses von Wissenschaft. Es endet mit Gedanken zum Klimawandel und der Stringtheorie. Dabei wird sehr deutlich, dass sich Bryson als Herausgeber nicht sonderlich bemüht hat, den einzelnen Beiträgen einen konsistenten Rahmen zu geben, sondern diese eher für sich stehen lässt. Der Stil des einzelnen Autors wird dadurch sehr deutlich und so ist es natürlich wieder einmal Neal Stephenson der sich nicht lumpen lässt und den Streit zwischen Newton und Leibnitz sehr anschaulich und unterhaltsam aber auch gleichzeitig anspruchsvoll seziert – sicherlich einer der intellektuell hochwertigsten wissenschaftlichen Dispute der Wissenschaftsgeschichte und für mich das Highlight dieses Bandes.

Auch die anderen Artikel zu Newton, dem Aufkommen der modernen Wissenschaft und den Anfängen der Royal Society sind gleichzeitig lehrreich und unterhaltsam. Sie fangen die Atmosphäre und den Aufbruchsgeist dieser Zeit wunderbar ein und rekonstruieren zugleich die Rolle der Royal Society als Dreh- und Angelpunkt der britischen, wenn nicht sogar der europäischen, Wissenschaftsgeschichte. Im hinteren Teil verliert das Buch ein wenig seine Form und die Themen erscheinen wesentlich beliebiger ausgewählt. Die Texte beschäftigen sich zwar mit der Entwicklung der Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten, verlieren aber die Royal Society ein wenig aus dem Auge und können auch atmosphärisch nicht so fesseln. Die Autoren stellen hier nicht mehr Personen in den Mittelpunkt, sondern Ideen und Entdeckungen, die eher abstrakt bleiben und daher nicht wirklich fesseln können, sondern lediglich auf der intellektuellen Ebene anregen. Damit verpasst dieser Sammelband leider die Chance, auch der modernen Wissenschaft ein Gesicht zu geben und die Menschen und Leidenschaften hinter den Ideen eindrucksvoll zu präsentieren.

So bleibt Seeing Further eine Sammlung typischer journalistischer Artikel über wissenschaftliche Themen: Ältere Entdeckungen und Ideen werden anhand von Personen und Leidenschaften vorgestellt und hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Moderne Gedanken hingegen werden abstrakt und allgemein erläutert und lassen mich damit merkwürdig kalt.

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