Rungholts Ehre

, Teil 1

(Blanvalet 2006, 544 Seiten, 798-3-442-36310-0)

Der Roman erweckt das Lübeck der Hansezeit zu prächtigem Leben und entwickelt eine extrem glaubwürdige Atmosphäre.

Nachdem ich letztes Jahr drei Wochen in Lübeck gewohnt habe, konnte ich mir dieses Buch, das die spannende Geschichte dieser Stadt zu neuem Leben erweckt, nicht entgehen lassen:

Zum Ende des 14. Jahrhunderts ist Lübeck eine der wichtigsten Städte Europas. Im Zentrum der Hanse treffen sich die Handelswege aus London, Brügge, Nowgorod und Visby. Rungholt ist ein angesehener Händler Lübecks, dessen Tochter Mirke bald mit dem ehemaligen Bürgermeister der Stadt verheiratet werden soll. Doch dann taucht ein Toter in der Trave (dem wichtigsten Fluss in Lübeck) auf und Daniel, Rungholts Lehrling und Mirkes Sandkastenfreund, wird verdächtigt, den Unbekannten im Streit nach einem Spiel erschlagen zu haben. Doch Rungholt ist von der Unschuld seines Lehrlings überzeugt und versucht herauszufinden, was in dieser Nacht tatsächlich geschah. Durch seine Ermittlungen löst er dabei nicht nur einen Brandanschlag, sondern auch weitere Morde aus.

Historische Romane stehen bei mir ja schon lange im Regal aber mit historischen Krimis habe ich bislang nicht allzu viel anfangen können. Mit Rungholts Ehre von Derek Meister hat das jetzt definitiv ein Ende gefunden, denn selten habe ich einen geschichtlichen Ort beim Lesen eines Buches dermaßen deutlich vor meinem inneren Auge gesehen. Meister schildert das lebendige und mächtige Lübeck der Hansezeit extrem glaubwürdig und plastisch. Das erreicht er unter anderem dadurch, dass er historisch korrekte Bezeichnungen verwendet und so finden sich die Figuren nicht in einer einfachen „Schreibkammer“ wieder, sondern in einer „Dornse“ – die Schreibstube in der Diele, die durch die Feuerstelle in der Küche mitgeheizt wird. Hat man die Begriffe einmal im Glossar nachgeschlagen, schaffen sie eine wunderbare Atmosphäre. Auch die Figuren des Romans wissen zu überzeugen: Da sind Rungholt, der seine Tochter liebt, es ihr aber nicht zeigen kann, die junge Mirke, der von der nahenden Hochzeit graut und Daniel, der im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet. Voller Verzweiflung erleben sie, wie sich Stadt und Schicksal immer mehr gegen sie wenden.

Vor dem Hintergrund dieser dichten Atmosphäre diente die Krimihandlung für mich in erster Linie als Alibi, um den Leser durch die Stadt zu führen, obwohl sie geschickt und überraschen konstruiert ist. Dadurch, dass Meister sie an eine Verschwörung koppelt, die mit den Vitalienbrüdern (im Roman oft „Serovere“ genannt) und dem Krieg zwischen Dänemark und Mecklenburg zusammenhängt, erfährt der Leser hier auch einiges über die größeren politischen Zusammenhänge.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die weiteren Bände um Rungholt meine Begeisterung halten können, weil ich nicht weiß, wie viel Neues Meister in den weiteren Romanen noch über Lübeck auspacken kann. Wenn es ihm aber gelingt, mich auch im zweiten und dritten Band weiter so positiv überraschen, kommt diese Reihe sicherlich in die Liste meiner All-Time-Favourites.

Ein herzlicher Dank geht an den Blanvalet-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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