Nur in Eva und Hans Segers Küche brannte noch Licht - das einzige in ganz Wellendingen. Der kleine Ort im Südschwarzwald schlief. Dass es die letzte Nacht der alten Zeitrechnung war, wusste keiner. –Rattentanz von Michael Tietz

Rattentanz

(Bookspot 2009, 837 Seiten, 9783937357379)

Spannend und mit (zu) vielen gute Ideen bleibt der Roman leider atmosphärisch provinziell.

Schon vor ein paar Monaten ist dieser Wälzer aus dem Bookspot-Verlag als nicht angefordertes Rezensionsexemplar bei mir eingetrudelt (im Nachhinein: danke dafür!). Da mir das Buch aber zu dick war und mich der Klappentext auch nicht wirklich angesprochen hat, blieb es erst mal ungelesen im Regal. Dann kam aber der Deutsche Phantastik Preis und wer war in der Kategorie “Bestes deutsches Romandebüt” nominiert? Genau, Rattentanz von Michael Tietz. Und prompt war das Buch aus dem Regal gekramt und auf die Zu-Lesen-Liste gesetzt.

In den letzten drei Wochen hab ich mich dann von Tietz in den Südschwarzwald entführen lassen. In die Zeit nach dem Zusammenbruch unserer Zivilisation. Eines schönen Morgens fallen auf einmal weltweit alle Computer und elektrischen Geräte aus. Den Grund hierfür nennt Tietz zwar, aber er ist mit Abstand die schwächste Komponente des Buchs und für die Handlung des Romans auch eigentlich egal. Viel wichtiger ist, dass von diesem Ausfall auch Flugzeuge betroffen sind, die daher bereits kurz danach allesamt abstürzen. Bald wird auch klar, dass der Strom so bald nicht zurückkommen wird und Telefon und fließend Wasser weiterhin fehlen werden.

Den ersten Teil des Romans nutzt Tietz dann, um anhand einiger Personen zu schildern, wie das Fehlen des Stroms ziemlich schnell zum Zusammenbruch dessen, was wir Zivilisation nennen würden, führt. Sind erst noch die Banken das Ziel von Plünderern, folgend bald grundlegendere Bedürfnisse wie Lebensmittel und Benzin. Im Mittelpunkt der Handlung stehen dabei die Familien Seger und Faust aus dem beschaulichen Ort Wellendingen im Hochschwarzwald. Eva Seger erlebt die “große Scheiße” an ihrer Arbeitsstelle, einem Krankenhaus in Donaueschingen, ihr Mann Hans Seger auf einer Dienstreise nach Schweden und ihre Tochter Lea zu Hause im Ort. Familie Faust hingegen ist vor Ort in Wellendingen und Frieder wird bald zu einem Anführer der Dorfgemeinschaft. Neben diesen Familien gibt es aber noch zahlreiche weitere Figuren, die Tietz auf den immerhin mehr als 800 Seiten  einführt.

Zentrales Thema des Romans ist natürlich der Umgang der Menschen mit der Katastrophe und hier hat der Roman definitiv seine Stärken: Äußerst glaubwürdig schildert Tietz wie sich am Anfang scharfe Konflikte zwischen den Menschen und auch zwischen den Ortschaften entwickeln, wie die Menschen versuchen, zu ihren Familien zu gelangen und sich auf der Jagd nach Lebensmitteln sogar gegenseitig umbringen. Innerhalb des Ortes versuchen einige, die Anstrengungen der Gemeinschaft zu bündeln, während andere lediglich ihr eigenes Wohl im Sinn haben. Eine ganz besondere Agenda verfolgt jedoch Martin Kiefer, der Ex-Mann Eva Segers: Er will seine Ex dazu bringen, wieder zu ihm zurückzukehren, hat davon jedoch ganz eigene Vorstellungen.

Dadurch, dass Tietz sich auf die Geschehnisse in einem kleinen Dorf konzentriert und nicht das “große Ganze” in den Blick nehmen will, kann er sich viel Zeit lassen, die Personen und ihren Umgang mit der Katastrophe zu schildern. Auf diese Weise kann er ein sehr detailliertes Bild von Wellendingen zeichnen und ein komplexes Geflecht von Beziehungen, Freund- und Feindschaften zu entwerfen, ohne dabei sich oder den Leser zu überfordern. Gleichzeitig wirkt die Handlung auf diese Weise jedoch irgendwie provinziell und trotz einiger kurzer Ausflüge in andere Teile Deutschlands oder der Welt kommt die “große Bedrohung” oder der “große Umbruch” nicht so dramatisch rüber, wie er eigentlich ist. Es fehlt hier so ein wenige die allumfassende Gefahr und Rattentanz wirkt manchmal eher wie ein behäbiger Tatort als wie ein apokalyptischer Roman. Um den Leser über 800 Seiten hinweg bei der Stange halten zu können, muss Tietz zudem sehr viele Handlungsfäden entwickeln, die er alle in das enge Dorf Wellendingen packen muss, was manchmal leider sehr konstruiert wirkt. Immerhin hat das Buch dadurch nicht so viele Längen, wie man vielleicht befürchten könnte.

Ein wenig irritiert hat mich zudem, dass die namensgebenden Ratten, die auch in dem Klappentext eine wichtige Rolle einnehmen im Buch absolut nicht vorkommen. Lediglich in einem kleinen Blick in die weite Welt taucht irgendwo um Seite 500 mal eine Seite auf, in der es tatsächlich um Ratten geht. Es bleibt also ein etwas zwiespältiger Eindruck von einem sehr ambitionierten Roman mit vielen sehr guten Ideen, die manchmal ein wenig aufgezwungen wirken. Hier wäre weniger – und damit auch weniger Seiten – vielleicht mehr gewesen.

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