Placebo (Placebas)

(dtv 2005, 424 Seiten, 3-423-24453-4)

Eindrucksvolles Portrait des Lebens in einem kleinen Land am Rande Europas, das sich gigantischen Umwälzungen ausgesetzt sah und immer noch sieht.

Verena hat auf ihrem Bücherblog den EU Book Contest 2010 ausgerufen und da ich ja immer gerne Werbung für das kleine Land mache, in dem ich 2003/04 neun Monate studiert habe, habe ich mich sofort als Vertreter Litauens gemeldet. Und das ausgewählte Buch Placebo von Jurga Ivanauskaite bildet tatsächlich einen wunderbaren Einstieg in dieses spannende, eigenwillige und für Außenstehende manchmal auch merkwürdige Land, in dem die in silbernen Glitzerunterhosen auftretenden In Culto zu den beliebtesen Bands gehören. Hier ist meine ausführliche Rezension:

Julija, vielbeachtete Wahrsagerin und Mitglied der Vilniusser High-Society, ist tot. Ihr Körper sitzt in einem Sessel und sie hat ein kleines Loch in der Schläfe. Neben dem Sessel liegt eine Pistole. Aber Julija fühlt sich nicht tot, sie sieht das Zimmer, ihre Wohnung und ihren Körper. Erst ganz langsam wird sie sich, mit Hilfe ihrer intelligenten Katze Bubasti, der Situation bewusst… Unterdessen macht sich Julijas Freundin Rita auf die Suche nach dem Grund für Julijas Tod. Hat der Augenschein recht, der Selbstmord vermuten lässt, oder Ritas Gespür, dass sie nicht an einen Freitod glauben lässt? Recht schnell wird dem Leser klar, dass der Showstar Maksas Vakaris und sein Bruder Tadas eine besondere Rolle in Julijas Leben und ihrem Tod einnehmen. Auch eine mysteriöse Organisation namens Placebo, die den Menschen den Individualismus austreiben und sie mit allen Mitteln der Macht der Wirtschaft unterwerfen will, scheint beteiligt zu sein.

Ich muss gestehen, dass ich Büchern aus oder über Litauen gegenüber (positiv) voreingenommen bin, aber ich denke, dass Jurga Ivanauskaite es geschafft hätte, mich unabhängig davon von ihrem Roman zu überzeugen. Den Eindruck, dass es sich bei Placebo um einen waschechten Krimi handeln könnte, zerstört sie bereits auf der ersten Seite. Dabei schafft sie es aber auch sofort etwas anderes, schwer greifbares an diese Stelle zu setzen – einen Einblick in die litauische Seele. Sie nimmt mytholgische, biografische, geschichtliche und philosophische Versatzstücke und fügt diese zu einem Portrait des heutigen Litauens zusammen. Dabei bietet sie eindrucksvolle Einblicke in die litauische Kultur, die seltsame Mischung aus kirchlichem Glauben und Esoterik, die wechselhaften Lebensläufe vieler Litauer und in die enormen Umbrüche und Schwierigkeiten denen die 3,5 Mio. Menschen in dem kleinen Land an der Ostsee in den letzten 15 Jahren ausgesetzt waren. Lediglich der abflauende Spannungsbogen der Rahmenhandlung hat meinen Eindruck von Placebo ein wenig getrübt.

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