Mein Leben

(dtv 2000, 565 Seiten, 3-423-12830-5)

Ich habe das Buch an einem verregneten Wochenende in einem Zuge durchgelesen. Es liest sich wie Lebensroman. Es ist spannend und dramatisch wie ein "echter Roman". Ein wirklich großes Buch.

Marcel Reich-Ranicki gibt in seiner Autobiographie MeinLeben eine Lebensgeschichte bekannt, die dramatischer nicht sein könnte. In jungen Jahren führte sein Weg als polnischer Jude in das Berlin der dreißiger Jahre und zurück nach Polen, wo ihn das Hitler-Regime und der Zweite Weltkrieg mit aller seiner Grausamkeit trifft. Er überlebt gemeinsam mit seiner Frau das Warschauer Getto. Zusammen entkommen sie dem Abtransport ins Konzentrationslager. „Untergetaucht“in einer Waldgegend überleben sie das Ende des Zweiten Weltkrieges. Sie überleben. Er macht im kommunistischen Polen eine politische Karriere bis er abspringt und – wieder zurück nach Deutschland – seine Karriere im Westen neu durchstartet. Er schreibt, was er immer schon geschrieben hat: Kritiken. Zuerst für die Die Zeit in Hamburg. Später als Leiter der Literaturabteilung bei der FrankfurterAllgemeinen Zeitung. Seine wirkliche Popularität verdankt er allerdings dem Fernsehen. Mit dem Literarischen Quartett schafft er ein neues Format, dass es in dieser Art vorher noch nicht gegeben hat – und gewinnt eine Zuseherschaft, die wahrscheinlich einen Großteil der besprochenen Bücher niemals zur Hand nimmt – oder ohnehin niemals eine Buchhandlung betritt. Manche der im LiQua oft auch „sehr zerpflückten“Bücher werden trotzdem – oder gerade deswegen? – zum Bestseller.

Obwohl das „Literarische Quartett“zu Ende gegangen ist, ist seine Karriere ist noch lange nicht zu Ende. Er ist der Literaturpapst solange er lebt. Und ob es jemals wieder einen Papst in Sachen Literatur geben wird ist fraglich. Beim ersten Zurhandnehmen des Buches dachte ich, nein – nicht schon wieder eine Ghetto-Geschichte! Doch ich wurde eines viel Besseren belehrt. Es ist nicht nur die sehr persönliche Lebensgeschichte des MRR, sondern eine Geschichte eines Großteils des Zwanzigsten Jahrhunderts, des Jahrhunderts, das die bisher größten Umwälzungen – mit zwei verheerenden Weltkriegen – für die Menschheitsgeschichte gebracht hatte. Marcel Reich-Ranicki gibt einem bei seinen Ausführungen über die führenden Literaten ihrer Zeit – Lessing, Goethe, Schiller, Lichtenberg, Heine, et cetera – das Gefühl, er hätte selbst mit ihnen gelebt.

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