König Ratte (King Rat)

(Bastei Lübbe 2003, 462 Seiten, 3-404-24310-2)

Nicht ganz schlüssige Handlung aber ein spannender Blick auf London

Das hochgelobte Perdido Street Station von China Miéville hat mich zwar damals nicht überzeugt, aber als ich letztens König Ratte auf einem Remittendentisch liegen sah, konnte ich dann doch nicht widerstehen, dem Autor eine zweite Chance zu geben. Und soviel vorweg: Es hat sich gelohnt.

Alles sieht nach einem ganz normalen Abend aus, als Saul Garamond nach Hause kommt und sich an seinem Vater vorbei in sein Zimmer schleicht. Wenige Stunden später wird er jedoch von der Polizei unsanft aus dem Bett geworfen und in eine Zelle verfrachtet, in der man ihm zum Tod seines Vaters befragt. Dieser war kurz nach Sauls Heimkehr aus dem Fenster des sechsten Stocks gestürzt. Vollends verrückt wird diese Nacht, als Saul von einer merkwürdigen Gestalt aus dem Polizeigewahrsam befreit wird. Dabei turnt „King Rat“ mit Saul auf dem Rücken über die Dächer Londons – er klettert an Wänden empor und schwingt sich scheinbar schwerelos an Dachrinnen in die Lüfte. Schließlich eröffnet er Saul, dass dieser eine halbe Ratte sei und von nun an ein Rattenleben in der Kanalisation und auf den Dächern der Stadt führen werde. Als Saul dann noch den Spinnenherrscher Anansi und den Vogelkönig Loplop kennenlernt, gerät er in einen uralten Konflikt, der vor mehreren Hundert Jahren bereits das Leben fast aller Ratten der kleinen Stadt Hameln forderte.

Diese Handlung klingt nicht nur wirr, sie ist es auch irgendwie. Trotzdem kam sie mir während der Lektüre äußerst schlüssig und glaubwürdig vor. Doch danach kamen dann einige Fragen auf, die Miéville auf den 462 Seiten nicht anspricht bzw. nicht zufriedenstellend beantworten kann: Warum haben Tiere eigentlich humanoide Herrscher? Wie hat sich King Rat von einer echten Ratte in eine menschenähnliche Gestalt verwandelt? Warum will der Rattenfänger eigentlich sein böses Werk begehen? Wie kann sich Saul so schnell von einem schwerfälligen Menschen in einen Meisterturner verwandeln? Das sind nur einige der Merkwürdigkeiten, die der Autor seinem Leser hier von den Latz knallt, ohne die (im Nachhinein) entstehende Verwirrung aufzulösen.

Trotz der teilweise sehr unmotivierten und sehr konstruiert wirkenden Handlung ist König Ratte äußerst lesenswert. Die Stärke des Romans liegt für mich in der Art, in der der Autor beschreibt, wie sich der Blick Sauls auf die Stadt London wandelt. Wie er von einem Teilnehmer in dem alltäglichen Leben der Stadt zu einem außenstehenden Beobachter wird, der sich die Gebäude, die Mauern und die geheimen Tunnel Untertan machen kann. So hat mich am meisten eine Szene beeindruckt, in der Saul kurz nach seiner Wandlung auf die Stadt herunterblickt und darüber nachsinnt, wie er sie bezwungen hat und sich ihrer Macht und ihren Regeln entziehen konnte. Wenn ich intellektuell klingen wollte, könnte ich jetzt damit anfangen, die Foucault’sche Idee der Heterotopien zu beschreiben und über Überlegungen zu in räumlichen Strukturen eingeschriebenen Machtstrukturen philosophieren, aber das will ich euch an dieser Stelle nicht antun. Daher bleibt mir nur, euch einen etwas anderen aber äußerst lesenswerten Roman ans Herz zu legen. Nur für diejenigen, für die die Handlung bis in das letzte Detail glaubwürdig und die Hintergründe der Welt nachvollziehbar sein müssen, ist König Ratte definitiv nicht geeignet.

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