No hatred like that of ignorance for knowledge. Because ignorance could know too, if it wanted to, but it's too damned lazy! –Galileo Galilei

Galileo's Dream

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(Harper Voyager 2010, 584 Seiten, 978-0-00-726032-4)

Es bleibt ein eindrucksvoller aber irgendwie auch ziemlich verwirrender Roman, dem leider außerhalb der abgewandelten Biografie Galileis ein wirklicher Spannungsbogen fehlt.

Galileo Galilei hat mich schon immer fasziniert: Er gilt heute als eine der zentralen Personen der Wissenschaftsgeschichte und war seiner Zeit wahrlich um ein paar Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte voraus. Als Erfinder der strengen wissenschaftlichen Methode und einer der Ersten, die die empirische Beobachtung zu einem zentralen Aspekt der Wissenschaft gemacht haben, verdanken wir ihm wahrscheinlich viel mehr, als uns bewusst ist. Eine ganz besondere Erklärung, warum Galilei zu dem Genie wurde, das er war, liefert nun der in Deutschland zu Unrecht ziemlich unbekannte Science-Fiction-Autor Kim Stanley Robinson: Auf dem Handwerkermarkt von Venedig spricht ein Fremder Galilei an und berichtet von einer erstaunlichen Erfindung: einem Rohr, durch das ferne Gegenstände nah erscheinen. Diese Idee nimmt Galilei gefangen und so macht er sich daran, ebenfalls ein solches Gerät zu entwickeln. Bereits nach kurzer Zeit und mit der Hilfe seines Assistenten Mazzoleni gelingt es ihm, ein occhialino zu bauen, das Dinge 20-fach vergrößern kann. Seine erste Anwendung dafür wird die Beobachtung des Sternenhimmels und schon bald fasziniert ihn insbesondere der Jupiter. Er entdeckt, dass dieser genau wie die Erde einen Mond zu haben scheint. Sogar nicht nur einen, sondern vier. Als wäre dies nicht schon Aufregung genug, tritt kurz darauf der Fremde vom Markt wieder an ihn heran und stellt ihm ein ganz spezielles occhialino vor. Als Galileo hindurchblickt, findet er sich unversehens auf dem Jupitermond Europa wieder und soll dort in einer wissenschaftlichen Streitfrage schlichten. In der Folgezeit pendelt er immer wieder zwischen Florenz, seinem neuen Wohnort, Rom, wo er seine Lehren und Erkenntnisse vor der Kirche verteidigen muss, und den Jupitermonden, auf denen er in einen Streit darüber gerät, wie die Monde und ein mysteriöses Wesen im Inneren von Europa erforscht werden sollen.

Es ist dir nicht zu verdenken, wenn du dich von dieser Inhaltsangabe eher verwirrt fühlst, denn die Konstellation, die sich Robinson hier ausgedacht hat, ist wirklich ziemlich ungewöhnlich. Da ist auf der einen Seite Galileo Galilei, der geniale Wissenschaftler mit seinem Haushalt, seinen Studenten, seiner ungeliebten Frau, seiner verhassten Mutter und den beiden Assistenten Mazzoleni und Cartophilius. Er ist zwar genial, kann sich aber in den politischen Ränkespielen und Intrigen sowie der politischen Großwetterlage kurz vor dem 30-jährigen Krieg nicht orientieren. Blind rennt er seiner Idee und seiner Überzeugung hinterher und übersieht dabei, dass in der Kirche andere Gesetze gelten als in der Wissenschaft. Das gute Argument oder die bessere Methode werden hier nicht als willkommener Fortschritt, sondern als Häresie verstanden. Den Höhepunkt seiner Vermessenheit gegenüber der Kirche erreicht er an dem Punkt, an dem er seine Theorien als eine Verbesserung der katholischen Interpretation der Heiligen Schrift ausgibt. Gleichzeitig entwickelt sich in ihm aber auch eine tiefe Liebe zu seiner älteren Tochter, die er zusammen mit ihrer Schwester in einem armen Kloster untergebracht hat.

Auf der anderen Seite stehen Hera und Ganymed, Einwohner der Jupitermonde, die Galilei in ihren Konflikt einbeziehen: Ganymed will eine Expedition in das Innere des Mondes Europa mit Galileis Hilfe unbedingt verhindern, scheitert aber an Hera, deren genaue Rolle leider nicht ganz klar wird. Gleichzeitig erhält Galilei in einer Hypnoschulung alles mathematische und physikalische Wissen vermittelt, welches die Menschen seit seiner Zeit erworben haben. Dabei erkennt er die komplexen Zusammenhänge zwischen dem Verhältnis von Religion und Wissenschaft auf der einen Seite und Frieden und Wohlstand auf der anderen.

Ich muss gestehen, dass ich aus diesem Buch nicht ganz schlau geworden bin. Auf der einen Seite ist es eine spannend und atmosphärisch geschriebene Biografie von Galileo Galilei, die sein Leben und seinen (möglichen) Charakter wunderbar einfängt. Gerade die Diskrepanz zwischen seiner wissenschaftlichen Genialität und seinen politischen und menschlichen Schwächen arbeitet Robinson sehr fein heraus. Dann ist da aber auch noch die Science-Fiction-Komponente, von der ich nicht so genau weiß, was ich von ihr halten soll. Es ist schon spannend und äußerst skurril zu sehen, wie Galilei versucht, die Technik und Wissen der Zukunft zu verstehen und mit seinem Weltbild in Einklang zu bringen. Gleichzeitig kommt mir dieser Teil aber merkwürdig unvollständig und vom Rest der Geschichte losgelöst vor. Vor allem da Galilei vor seiner Rückkehr in seine Zeit meist ein Mittel bekommt, das ihn seinen Aufenthalt vergessen lässt, fehlt mir irgendwie die Verbindung zwischen diesen beiden Ebenen innerhalb der Handlung. Von außen betrachtet zeigt diese Parallelität jedoch schön auf, dass Konflikte um die Frage, wie weit die Wissenschaft gehen darf, nicht nur eine Frage der Vergangenheit sind.

Es bleibt ein eindrucksvoller aber irgendwie auch ziemlich verwirrender Roman, dem leider außerhalb der abgewandelten Biografie Galileis ein wirklicher Spannungsbogen fehlt. Damit wird Galileo’s Dream zu einer seltsamen Mischung aus Historie und Science-Fiction, mit wenig Spannung aber viel Atmosphäre, einigen guten Ideen und einer faszinierend gezeichneten Hauptfigur.

Das Buch war für mich gleichzeitig der vierte Schritt auf der Challenge Der Geschichte auf der Spur (meine Leseliste) und ich kann damit die Station Frühe Neuzeit abhaken.

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