Individualität? Bloß nicht!

Erster Satz: “Ich wünschte, Miri wäre hier.”

Aus dem einwöchigen Urlaub an der Nordsee habe ich neben einigen dort gelesenen auch ein dort gekauftes Buch mitgebracht: Die Diktatur der Stille von Ellen Dee Davidson. Darin geht es um die fünfzehnjährige Miri, die in einer “perfekten” Welt lebt. Jeder Einwohner bringt sich seinen Interessen und Fähigkeiten nach in die Gesellschaft ein und wird auf der Grundlage seiner Talente gefördert. Durch das Ritual des “Maskierens” werden die Jugendlichen zu vollständigen Mitgliedern der Gesellschaft, dabei präsentieren sie auch ihr spezielles Talent, das sie von nun an in den Dienst der Gesellschaft stellen. Auch Miris Jahrgang steht kurz vor der Maskierung, doch sie hat ein gewaltiges Problem: Sie hat ihr Talent noch nicht finden können. Als sie dann das Ritual der Maskierung heimlich beobachtet und dabei entdeckt wird, bleibt ihr nur die Wahl, sich ohne Talent als Hausdienerin maskieren zu lassen, oder aus der Stadt zu fliehen.

In meinen Augen spricht es sehr für ein Jugendbuch, wenn man es auf den ersten Blick nicht als solches erkennt. Das sehr schön gestaltete Cover und der Klappentext haben mich einfach überzeugt, und erst nachdem ich die ersten Seiten gelesen hatte, habe ich dann bemerkt, dass ich nicht mehr zu der eigentlichen Zielgruppe des Buchs gehören dürfte. Das ändert aber nichts daran, dass mir die Lektüre von Diktatur der Stille sehr viel Freude bereitet hat. Es ist eine kleine Welt, die die Autorin hier beschreibt und von der sie dem Leser auch wiederum nur einen kleinen Ausschnitt präsentiert, aber dieser ist äußerst gut gewählt und spannend und unterhaltsam beschrieben. Dabei steht vor allem Miri im Mittelpunkt, die große Hoffnung der Eltern, die sich jedoch als „schwarzes Schaf entpuppt, weil sie sich nicht in die von der Gesellschaft vorgegebenen Rollenmuster einpassen will. Alle anderen Charaktere bleiben zwar ein wenig blass, sind jedoch glaubwürdig in die Geschichte eingebunden.

Thematisch dreht sich Davidsons Buch um die Erwartungen, die die Gesellschaft und wir Erwachsenen an unsere Kinder stellen: Wir gehen davon aus, dass sie die Welt ebenso verstehen wie wir, dass sie die etablierten Strukturen akzeptieren und sich mit dem Status Quo zufriedengeben. Wir wollen, dass sie ihre Talente entwickeln und sie in den Dienst der Gesellschaft – oder besser unseren Dienst – stellen. Dass dabei Individualität und Kreativität auf der Strecke bleiben und riesige Potenziale ungenutzt bleiben, ist uns egal: Bloß nicht an der Welt rütteln, in der wir es uns so behaglich eingerichtet haben.

Zitat: “Ich verleihe dir diese Maske, damit sich die Stimme deines Talents den Bedürfnissen unserer Gemeinschaft anpasst und nicht so stark wird, dass wir sie nicht mehr ertragen können.”

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Bisher ein Kommentar zu Ellen Dee Davidson: Diktatur der Stille

  1. Charlousie sagt:

    Wow, was für eine Schatztruhenseite du hier hast! Deine Rezension hat mich überzeugt, das Buch klingt sehr vielversprechend, muss ich mir unbedingt merken, deine Seite, als auch das Buch! 😉 Wünsche noch einen schönen Abend, Charlousie

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