Du bist tot (Halting State)

(Ace 2008, 324 Seiten, 978-0-441-01607-5)

Etwas unübersichtliche Handlung in einer Welt, in der virtuelle und reale Welt verschwimmen.

Drei Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, versuchen aus unterschiedlichen Perspektiven einen Kriminalfall zu lösen, der eigentlich nicht zu lösen ist. Denn er hat nicht in der realen Welt stattgefunden, sondern in einer virtuellen Spielwelt, von der das heutige World of Warcraft ein entfernter Vorgänger sein könnte: Eine Horde Orks ist in eine Bank eingedrungen und hat eine große Menge Gold und eingelagerter Gegenstände gestohlen. Nun liegt es an einem Programmierer, einer Polizistin und einer forensischen Wirtschaftsprüferin, den Raub aufzuklären und herauszufinden, warum der wichtigste Programmierer des Unternehmens, das diese Bank betreibt, verschwunden ist. Im Laufe der Zeit stoßen sie auf den chinesischen Geheimdienst, werden von einem ferngesteuerten Taxi entführt und geraten in einen virtuellen Krieg zwischen den Großmächten.

Wie schon in Glasshouse beschäftigt sich Charles Stross in diesem Roman mit einer Zukunft, in der Entwicklungen unserer Gegenwart weiterentwickelt und zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Diesmal sind es virtuelle Spiele, die die Welt immer mehr durchdringen. In ihnen haben sich komplexe Wirtschaftssysteme entwickelt, an denen unterschiedliche Unternehmen beteiligt sind. Wie sich schon heutzutage andeutet, spielen die virtuellen Spiele in Stross‘ Zukunft auch wirtschaftlich eine gewaltige Rolle, sodass der virtuelle Bankraub nicht nur virtuelle Konsequenzen hat, sondern das Vertrauen in den Wirtschaftskreislauf der virtuellen Welt gefährden und damit ein zentrales Geschäftsmodell der Zukunft untergraben kann. Doch es geht um mehr als nur Geld, denn der Kampf der Großmächte um die weltweite Dominanz kann auch in der virtuellen Welt entschieden werden.

Halting State zeichnet sich in erster Linie durch die ungewöhnliche Perspektive aus, aus der Stross seine Geschichte schildert: So greift er den Stil der klassischen Text-Adventures auf und spricht den Leser direkt an – als wäre er die Hauptfigur. So steht beispielsweise am Anfang des ersten Kapitels der Satz: „You’re four hours into your shift“ Nachdem man sich auf den ersten Seiten an diese Perspektive gewöhnt hat, wechselt Stross jedoch in jedem Kapitel zwischen den drei ermittelnden Hauptfiguren und zwingt den Leser dadurch, sich ständig mit einer neuen Figur zu identifizieren. Sorgt dieser Stil bei den eher kurzen Text-Adventure-Texten für viel Atmosphäre und kann den Leser in die Geschichte hineinziehen, wird er auf den 320 Seiten des Buches auf Dauer anstrengend.

Auch die Handlung ist Stross in meinen Augen ein wenig zu kompliziert und unübersichtlich geraten. Zwischen den ganzen virtuellen und realen Konflikten und Parteien ist mir irgendwann die Übersicht verloren gegangen, sodass ich auch die Auflösung des Rätsels nur teilweise nachvollziehen konnte. Wenn der Autor damit demonstrieren wollte, wir verwirrend die von ihm geschaffene Welt durch die Vermischung von Realität und virtueller Welt geworden ist, ist ihm dies eindrucksvoll gelungen, das Lesevergnügen wird dadurch jedoch leider deutlich getrübt. Mit seinen Ideen kann Stross jedoch wieder überzeugen. So konsequent wie er, können nur wenige heutige Entwicklungen weiterdenken und im Rahmen eines Buches schildern.

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