Gutes Buch, bei dem die eigentlich spannende Handlung aber leider oft hinter dem künstlerischen Anspruch zurück steht.

An einem ganz normalen Tag, in einer ganz normalen Stadt. Ein Autofahrer steht vor einer Ampel und plötzlich erblindet er. Er sieht nur noch ein undurchdringliches Weiß vor seinen nutzlosen Augen. Er wird von einem Fremden nach Hause zu seiner Frau begleitet, der ihm darauf hin das Auto entwendet. Wenig später erblindet auch dieser Fremde. Auch der Augenarzt, den der erste Blinde am nächsten Tag aufsucht erblindet kurz darauf. Die Epidemie pflanzt sich schnell fort und breitet sich in der Stadt und darüber hinaus aus. Die Regierung reagiert schnell und mit harten Maßnahmen. Alle Blinden und die, die mit ihnen Kontakt hatten, werden in einer leerstehenden psychiatrischen Anstalt zur Quarantäne eingesperrt. Zu Beginn gelingt es ihnen, sich zu organisieren, doch als es insgesamt fast 200 Blinde in den beiden Flügeln des Gebäudes gibt, bricht alles zusammen und die Quarantäne wird für die Internierten zur Hölle. Die einzige Stütze der Blinden ist die Frau des Arztes, die aus ungeklärtem Grund nicht erblindet ist, dies aber nicht offen legt. So weiß nur ihr Mann von ihrem Augenlicht und sie hilft ihm und einigen anderen der ersten Blinden. Bald entbrennt ein Kampf zwischen den Bewohnern der beiden Flügel und nach kurzer Zeit geht die Klinik in Flammen auf und die meisten der kasernierten Blinden kommen darin um. Einer kleinen Gruppe gelingt jedoch, dank der sehenden Frau des Arztes die Flucht. Sie finden eine Welt vor, die von Blinden bevölkert ist und in der es keine öffentliche Ordnung mehr gibt.

Die Stadt der Blinden ist ein merkwürdiges Buch. Dem Leser fällt als erstes auf, dass etwas ganz elementares fehlt: Anführungszeichen. Dialog wird nicht, wie üblich durch Anführungszeichen in den Text eingebunden, sondern einfach durch Kommata mitten im Satz abgegrenzt. Dies macht das Lesen anfangs etwas holprig, aber man kann sich daran gewöhnen und nach einigen Seiten fällt das weniger ins Gewicht. Atmosphärisch bringt dies den Roman aber leider kaum weiter. Etwas anderes fehlendes fällt auch erst nach einigen Seiten auf: Saramago gibt seinen Charakteren keine Namen. Der erste Blinde bleibt bis zum Ende „der erste Blinde“ und der Arzt „der Arzt“. Anfangs mag dies noch stören, als die Blinden sich dann aber in der Quarantäne treffen liefert Saramago hierfür eine Erklärung, so dass dadurch nur die von ihm gewünschte Aussage des Romans verstärkt wird.

Insgesamt ist Die Stadt der Blinden ein sehr aussagenreicher, manchmal gar philosophischer, Roman. Saramago schildert zu Beginn die Situation von Menschen, die Außenseiter in einer Gesellschaft von Sehenden sind. Er beschreibt ihre Kasernierung sehr nüchtern und lässt sie dadurch noch unwirklicher scheinen. Dann wird sein Buch zur Chronik des Zusammenbruchs einer kleinen, autonomen Gesellschaft. Darin ähnelt das Buch Goldings Herr der Fliegen, doch Saramago stellt einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt des Geschehens: Den Mangel an Lebensmittel. Dieser führt zur Abspaltung einer Gruppe, die dann beginnt, die anderen Insassen zu terrorisieren. In diesem Abschnitt ist Saramago immer noch sehr trocken und nüchtern, aber schonungslos und offenbart dem Leser das Böse im Menschen auf erschreckende Weise. Nach der Flucht folgt der Bericht über eine zusammengebrochene Gesellschaft, in der jeder nur an sein Überleben denkt. Auch hier ist der Autor wieder trocken aber sehr direkt. Er schont den Leser nicht und präsentiert ein apokalyptisches Szenario.

Insgesamt ist Die Stadt der Blinden ein anspruchsvolles, aber auch spannendes Buch, das dem Leser die „Menschlichkeit“in ihrer schrecklichsten Form vor Augen führt. Er zeigt die Abhängigkeit des Menschen von der Gesellschaft und von seinem Augenlicht. Für meinen Geschmack ist Die Stadt der Blinden aber ein wenig zu trocken geraten. Der Handlung fehlt einiges an Rasanz und Spannung. Man will zwar wissen, wie es weiter geht, bleibt aber vom Geschehen merkwürdig distanziert. Durch das Fehlen von Namen wird es dem Leser auch erschwert, sich mit den Charakteren zu identifizieren, selten nur fiebert man mit ihnen mit. Daran ist auch die etwas sperrige, „künstlerische“Zeichensetzung schuld, die den Leser oft von der Handlung ablenkt.

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Bisher ein Kommentar zu Die Stadt der Blinden

  1. Anna sagt:

    Ich danke Ihnen sehr für die ausführliche Beschreibung dieses Buches.. Ich musste es im Deutschunterricht lesen und bin wenig begeistert von Saramagos Werk, ihre Website half mir sehr, bei der Bearbeitung meines Portfolios. Danke!

    Anna

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