Diese Kinder und deren Nachkommen sahen dich mit anderen Augen. Sie hörten die Geschichte von Nuramon dem Minnekrieger, von Nuramon dem Suchenden, dem ewigen Wanderer. In den Trollkriegen erfuhren sie, dass du einst Gefährte des Alfadas warst. Uns Alten brauchst du nicht zu verzeihen. Viele von uns haben ihre Ansicht nicht geändert, doch diese Elfen hier verehren dich als einen Großen unserer Sippe. Lass sie deine Verachtung für uns nicht spüren.

Die Elfen

, Teil 1

(Heyne 2004, 910 Seiten, 978-3-453-53001-0)

Fantasy-Fressfutter im Stil eines Rollenspiels mit zu viel Handlung und zu wenig Atmosphäre und Tiefgang. Schade, die Elfen hätten Besseres verdient gehabt.

Die Elfen von Bernhard Hennen gehört sicherlich zu den Büchern der deutschen Fantasy, die in den letzten Jahren für das meiste Aufsehen gesorgt haben. Sicherlich auch als Reaktion auf den Erfolg von Stan Nicholls‘ Die Orks hat sich Hennen das wohl spannendste und sagenumwobenste klassische Fantasy-Volk ausgeguckt: Er schickt den Jarl eines kleinen Menschendorfs zusammen mit zwei Elfen auf eine Odyssee durch die Menschenwelt, die über das Schicksal der Gemeinschaft, die große Liebe der beiden Elfen und die Zukunft der gesamten Elfenwelt entscheidet.

Alles beginnt mit einer Kreatur, die in der Umgebung Firnstayns wütet und der auch Mardred nur knapp entkommen kann. Als er auf der Flucht schwer verletzt in einem Steinkreis zusammenbricht, wacht er wenig später in einer anderen Welt auf – der Albenmark. Hier wird er von einem alten Baumwesen geheilt und kann so vor die Königin der Elfen treten. Da die schreckliche Kreatur, ein Manneber, nur aus der Albenmark gekommen sein kann, fordert er von Emerelle Hilfe bei der Jagd. Diese wird ihm gewährt – allerdings nur zu einem hohen Preis. Sie stellt ihm die beiden Elfenkrieger Nuramon und Farodin an die Seite und schickt mit ihnen eine der sagenumwobenen Elfenjagden in die Menschenwelt. Nach schweren Verlusten gelingt es ihnen, den Manneber in einer Höhle zu stellen und zu töten, doch er hat sie in eine Falle gelockt und besucht in der Gestalt Nuramons die Geliebte der beiden Elfen – Noroelle – und zeugt mit ihr ein Kind. Zur gleichen Zeit sind Mandred und die beiden Elfen in der Höhle gefangen, während die Zeit außerhalb wie im Zeitraffer vergeht. Erst nach mehreren Jahrzehnten werden sie befreit und von Emerelle auf die Spur von Noroelles Sohn gesetzt, der sich als Halbdämon entpuppt.

Mit dessen Tod endet dieses Buch jedoch keineswegs. Es fängt überhaupt erst wirklich an. Die hier schon sehr verkürzt geschilderte Handlung gibt nämlich erst die ersten 250 Seiten dieses Buchs wieder. Den Rest der Zeit begleitet der Leser die drei Jagdgefährten nicht nur auf einer verworrenen Odyssee durch die Menschenwelt, in der die Elfen eine Spur ihrer verbannten Geliebten suchen, sondern auch durch mehrere Jahrhunderte der Geschichte dieses Landes, da bei der Reise auf den Albenpfaden unter Umständen mehrere Jahrzehnte in Augenblicken an unseren Helden vorbei ziehen. So trifft Mandred auf seine Nachfahren und Nuramon lernt seine Vergangenheit auf eine ganz besondere Weise kennen.

Auch wenn ich Die Elfen in nur ein paar Tagen verschlungen habe (bei mehr als 900 Seiten), hinterlässt der Roman bei mir einen zwiespältigen Eindruck: denn obwohl Hennen hier viele spannende Ideen und ein noch spannenderes Volk präsentiert, bleibt sein Roman sehr oberflächlich. Er hetzt die Figuren von einer Action-Szene oder Quest zur nächsten und nimmt sich wenig Zeit, seine Hauptfiguren zu entwickeln und ihre inneren Konflikte aufzuzeigen: Weder thematisiert er Mandreds Reaktion darauf, einem Nachfahren in elfter Generation zu begegnen noch schildert er Nuramons 50 Jahre in der Menschenstadt Firnstayn. Stattdessen versteckt er Phasen, die für die Entwicklung der Figuren zentral sind, in kurzen Chroniken oder Legendenerzählungen. An sich ein cleverer Schachzug, um nicht jede der langen Reisen durch die Menschenwelt im Detail schildern zu müssen, aber eben auch eine vergebene Chance.

Insgesamt stellen sich die Figuren in meinen Augen zu sehr in den Dienst der Handlung und wollen praktischerweise immer genau das, was sie an den nächsten Ort bringt, den sich Hennen ausgedacht hat. Auch der Weltenbau erstreckt sich selten über mehr, als in der beschriebenen Situation notwendig und erinnert mich damit doch sehr an rollenspiel-basierte Questromane. Und tatsächlich hat Hennen im Rahmen des schwarzen Auges auch bereits einige Rollenspielromane und -abenteuer veröffentlicht.

Mich hat auch sehr gewundert, dass die Elfen zwar dem Titel nach im Zentrum des Romans stehen müssten, dass der Großteil der Handlung sich jedoch in der Menschenwelt abspielt. Auch die Geschichte und Kultur der Elfenwelt schimmert immer nur implizit durch und bleibt damit in weiten Teilen im Verborgenen. Es scheint fast so, als hätte Hennen in erster Linie diese konkrete Geschichte erzählen wollen und sich dann einen Rahmen gesucht, mit dem sie sich besser verkaufen lässt. Ein schönes Indiz für den Feigenblatt-Charakter der Elfen in diesem Roman ist die Karte der Albenmarkt, die auf der ersten Seite des Buchs abgedruckt ist: Sie zeigt die Position der knapp 10 Handlungsorte in der Albenmark, die mehr oder weniger an einer Perlenschnur aufgereiht sind. Eine Karte der Menschenwelt, in der die Figuren sich hauptsächlich bewegen und von der uns Hennen bestimmt 40 oder 50 Handlungsorte zeigt, findet sich jedoch überhaupt keine Karte. Für Elfen-Fans ist Die Elfen damit leider schon fast eine Mogelpackung.

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Bisher 2 Kommentare zu Die Elfen von Bernhard Hennen

  1. Herautos sagt:

    Also für mich ist das Buch eines der besten was ich je gelesen habe. Habe mit den Charakteren mitgefühlt, mitgefeiert, mitgelacht und mitgeweint. Sowas hatte ich bisher bei keinem anderen Buch. Von wegen zu wenig Tiefgang.

  2. Elfen Fan sagt:

    Ich finde man kann erst eine richtige Kritik über ein Buch oder wie in diesem Fall ein Bücherreihe!! schreiben wenn man alle Bücher gelesen hat. Kommt noch Elfenwinter / Elfenkönigin / Elfenlicht sowie die Elfenritter Bücher. Diese Bücher erzählen die Geschichten die zwischen der Zeit Periode von die Elfen stattfinden. Es ist richtig geil, wenn du etwas liest, was in einem anderen Buch nur angedeutet wurde. Übrigens kann auch gleich die Drachenelfen Reihe empfehlen. Behandelt die Zeit vor „Die Elfen“, Hauptcharakter ist die Mutter von Emerelle, „Nandalee“!

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