Der Rechenmeister

(Aufbau 2001, 398 Seiten, 3-7466-1704-9)

Ein interessantes und spannendes Portrait eines verkannten Mathematikgenies und eine schöne Hommage an das Sprechen.

Italien im 16. Jahrhundert: Seit seiner Kindheit kann der Rechenmeister Niccolo Tartaglia nur noch stottern. Damals wurde er Opfer einer plündernden Armee, die seine Heimatstadt Brescia überfallen hatte. Als jungen Mann zieht es Tartaglia dann nach Venedig. Dort hofft er, könne er sich als Rechenmeister für die ortsansässigen Händler seine Brötchen verdienen. Als Gepäck trägt er nur ein wenig Kleidung, sowie ein gedrucktes Exemplar von Luca Paciolis mathematischem Standardwerk, der Summa, mit sich. Jedoch ist es kein gewöhnliches Exemplar dieses Buches. In diesem hat Tartaglia es nämlich gewagt diesem seiner Meinung nach größten Mathematiker einen Fehler vorzuwerfen. Bald muss sich der Rechenmeister jedoch im Alltag behaupten. Wegen seines Stotterns traut er sich selten, Händler anzusprechen und erledigt nur ab und zu kleinere Rechnungen. Der Zufall kommt ihm jedoch zur Hilfe und er erlangt einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Stadt. Daraufhin wird her von den anderen Rechenmeistern als Konkurrent erkannt und von einem von ihnen, Ferrari, herausgefordert. Dabei stellt Ferrari ihm als Aufgabe eine als unlösbar geltende kubische Gleichung. Erschüttert muss Tartaglia feststellen, dass sich sein Idol Pacioli geirrt hat, als er schrieb diese Gleichungen seinen unlösbar. Von nun an ist er auf der Suche nach der Lösung von kubischen Gleichungen. Als er sie jedoch findet, behauptet Ferrari, sein toter Meister Girolamo Cardano habe die Lösung als erster entdeckt und beginnt ein ganz besonderes Duell mit Tartaglia. Dieser muss sich nebenbei noch mit der Inquisition herumplagen, die Anstoß an einer einfachen Formulierung in seinem Buch über Ballistik nimmt. Zudem verliebt er sich auch noch unsterblich in die Tochter eines reichen venezianischen Händlers. Über alldem schwebt aber Tartaglias großes Problem: Sein Stottern.

Auch wenn es nach dieser langen Inhaltsangabe so scheint, Kernthema von Der Rechenmeister ist nicht das florierende Venedig oder die Mathematik. Sein Kernthema ist das Sprechen. Die durchaus spannende und wendungsreiche Handlung scheint nur als Vehikel zu dienen für Jörgensens Ausführungen über Tartaglias Probleme mit seinem Sprechen und den detaillierten Beschreibungen des Sprechens der Menschen um ihn herum. Dabei gelingt es dem Autor in seinem Debut-Roman außerordentlich gut, dem Leser den genialen Rechenmeister nahe zu bringen, der von allen anderen wegen seiner Sprachbehinderung nicht ernstgenommen und verlacht wird. Dessen Charakter ist ebenfalls sehr gut beschrieben und es fällt dem Leser leicht, sich mit ihm zu identifizieren. Alle anderen Charaktere bleiben leider ein wenig flach und dienen sichtbar nur als Statisten in Tartaglias Leben. Die Beschreibungen der Stadt sind jedoch wiederum recht gelungen und insbesondere der Giacomettoplatz erwacht zu eigenem Leben. Was die Mathematik anbelangt beschränkt sich der Autor auf das Nötigste. Dies kommt natürlich denjenigen entgegen, die einen Historischen Roman lesen wollen. Beim mathematisch interessierten Leser bleiben am Ende jedoch einige Fragen offen. Zumal es Jörgensen bei seinen wenigen Exkursen in die Welt der Mathematik nicht gelingt, Tartaglias Entdeckungen dem Leser verständlich zu machen. Ein letzter Kritikpunkt ist noch, dass es dem Autor nur zeitweise gelingt, den Leser an das Buch zu fesseln. Mir ist es oft zu leicht gelungen, die Lektüre zu unterbrechen. Dies mag an Jörgensens Sprache liegen, die teilweise etwas holprig und kaum flüssig wirkt.

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