Alle Kritiken zu Trudi Canavan

Sonea - Die Hüterin (The Ambassador's Mission)
 Sonea – Die Heilerin (The Rogue)

Alle Berichte zu Trudi Canavan

30. Juni 2011 Interview mit Trudi Canavan, Teil 2
23. Juni 2011 Interview mit Trudi Canavan, Teil 1
12. Mai 2010 Stoff! Ich brauch mehr Stoff!
28. April 2010 Neue Trilogie über Sonea von Trudi Canavan angekündigt

Nachdem ich mich im ersten Teil meines Gesprächs mit Trudi Canavan über ihr aktuelles Buch Sonea – Die Heilerin unterhalten habe, geht es heute um die Hintergründe ihrer Welten und die Fantasy-Szene in Australien. Am Ende hat Trudi dann natürlich auch noch ein paar Buchtipps für euch. Viel Spaß!

Die Welt von Kyralia war mittlerweile Schauplatz von sechs Romanen. Wie entwickeln Sie die Hintergrundinformationen für Ihre Welten?

Als ich die Gilde der schwarzen Magier geschrieben habe, habe ich mir ein Jugendbuch über die mittelalterliche japanische Kultur hergenommen und alle Überschriften abgeschrieben: Essen, Militär, Kleidung und so weiter und habe mir dann all die interessanten Sachen ausgedacht, auch wenn ich dann das meiste nicht verwendet habe. Wie bei einem Eisberg, bei dem nur die Spitze zu sehen ist. Dabei habe ich dann auch gelernt, wie ich zeigen kann, dass dieser Eisberg auch unter Wasser existiert, ohne das wirklich auszuformulieren. Das sind dann viele kleine Details, die den Eindruck erwecken, dass da noch mehr hintersteckt. Ich bin da aber auch effizienter geworden und muss jetzt auch nicht mehr so große Hintergrund-Dokumente erstellen.

Gehören da dann auch die Zeichnungen und Karten zu, die es auf Ihrer Homepage zu sehen gibt?

Ja, das ist auch ein Teil des Weltenbaus. Ich bin auch eine ehemalige Kartografin. Ich habe für Loney Planet Publications gearbeitet, wo ich Illustrationen und Karten gemacht habe. Da habe ich das gelernt. Ich liebe es, Karten zu zeichnen und besonders die Karten in dieser Serie. Es gibt zum Beispiel eine topografische Karte des Geländes der Gilde. In der Ecke steht dann “Diese Karte ist Eigentum der Bibliothek der Magier und darf nicht entfernt werden”. Das scheint dann so als wäre das eine echte Karte aus dem Buch. Für die Karte aus Das Zeitalter der Fünf habe ich zwei Tonstücke genommen, sie aufeinander geschoben, Berge geformt, Wasser darüber laufen gelassen und die Flüsse nachgezeichet. Das hat mir dann einen halbwegs guten Eindruck gegeben, wie sich die Platten bewegen. Als ich die Reihe dann geschrieben habe, habe ich die Karte dann aber doch ein wenig verändert, damit sie auch zur Handlung passt. Skizzen von Räumen und Karten helfen mir aber auch konkret beim Schreiben. Dann weiß ich immer genau, wo meine Figuren gerade sind.

Was zeichnet für Sie australische Fantasy gegenüber amerikanischer oder britischer aus?

Das ist wohl so etwas, das man erst wirklich bemerkt, wenn man außerhalb des Landes ist. Gerade auf der aktuellen Tour sind mir da ein paar Dinge aufgefallen, die mir vorher noch nicht so klar waren: Eine Sache ist, dass im Internet diskutiert wurde, dass Fantasy in Amerika und Großbritannien in erster Linie von Männern geschrieben, von Männern rezensiert und wohl auch von Männern gelesen wird. In Australien hat das jeden, mit dem ich gesprochen habe, verwundert. Weil das bei uns überwiegend weibliche Autorinnen sind und auch die allgemeine Meinung herrscht, dass Frauen eher Fantasy lesen und Männer eher Science-Fiction. Das stimmt zwar nicht so ganz, aber trotzdem haben wir eben wesentlich mehr weibliche Fantasy-Autoren. In Polen habe ich dann herausgefunden, dass meine Bücher dort ein lange gehegtes Vorurteil durchbrochen haben, dass Fantasy nur von Männern für Männer geschrieben wird. Mein Verlag hat dort einfach genau den richtigen Zeitpunkt getroffen und mir eine riesige weibliche Leserschaft gesichert. Frauen, die vorher keine Fantasy-Romane gelesen haben und sie wegen meiner Bücher jetzt lesen. Das freut mich natürlich sehr. Ich hoffe nur, dass sie auch weiterhin möglichst viele gute Fantasy-Bücher lesen.

Gibt es denn innerhalb der Geschichten etwas typisch australisches?

Ich wüsste nicht. Ich glaube, das ist von Innen schwer zu sehen. Das können wohl nur Leser aus anderen Ländern, wenn es da tatsächlich einen Unterschied gibt. Da ist die Spannbreite einfach riesig: traditionelle Fantasy, Quest-Romane, brutale Fantasy, romantische Fantasy. Vielleicht ist es sogar diese Vielzahl an unterschiedlichen Romanen, die einen Unterschied ausmacht. Zumindest für einen solch kleinen Markt ist das bemerkenswert. Gerade weil Verlage lieber sichere Entscheidungen treffen.

Also ist es nicht so, dass Bücher australischer Autoren auch quasi automatisch in den USA und Großbritannien veröffentlicht werden?

Nein. Auch wenn die Verlage mittlerweile sehr gerne weltweite Rechte einkaufen heißt das nicht, dass sie die Bücher dann letztendlich auch im Ausland veröffentlichen. Eine Freundin von mir, die Science-Fiction schreibt, wird sogar in Australien nicht veröffentlicht, obwohl sie dort lebt. Also wenn ihre Freunde ihre Bücher kaufen wollen, können sie das nicht. Per Versand aus dem Ausland geht das natürlich, aber nicht mal einfach so im Laden. Normalerweise fangen wir aber in Australien an und breiten uns dann erst aus. Das ist dann sogar ein Vorteil, weil wir in die lokale Verlagslandschaft leichter reinkommen als in den USA oder Großbritannien – nicht, dass das jemals einfach wäre. Mit guten Verkaufszahlen dort können wir dann natürlich beweisen, dass wir gut sind und haben dann auch international einen Vorteil.

Jetzt ist Australien ja von Deutschland doch ein ganzes Stück entfernt und bei vielen meiner Leser vielleicht gar nicht so auf dem Schirm. Wer würden Sie sagen, sind die jungen bzw. neuen Autoren auf die wir ein Auge haben sollten?

Da könnte ich jetzt Stunden drüber reden. Da ist es eine Autorin, von der vor zehn Jahren gesagt habe, dass sie eines Tages eine fantastische Fantasy-Reihe schreiben würde, Alison Goodman. Ihre Bücher heißen in unterschiedlich in unterschiedlichen Ländern, aber ich glaube, das erste war Eon (Amazon) und das zweite Eona (Amazon). Wenn Ihnen Charlaine Harris gefällt, gibt es da noch sehr sexy und in der modernen Zeit angesiedelte Fantasy von einer Freundin von mir, Nicole Murphy (Homepage). Sie hat ein Buch geschrieben, dass nichts mit Vampiren, Werwölfen oder so zu tun hat, sondern auf keltischer Magie beruht. Da gibt es dann Figuren, die sich zwischen Irland und Australien bewegen. Sehr interessant. Dann gibt es noch eine neue Autorin Joan Anderton, die bei Angry Robot Books veröffentlich hat – überhaupt ein Verlag, der sehr viele autralische Autoren verlegt und eher ungewöhnliche Fantasy veröffentlicht. Als ich für ihr Buch Debris (Amazon) einen Blurb schreiben sollte war ich etwas nervös, wie immer wenn ich ein Buch von Freunden bewerten soll, denn was ist, wenn es mir nicht gefällt? Aber das war ein großartiges Buch! Irgendwie eine Kreuzung zwischen Blade Runner und X-Men.

Das klingt so, als sollte ich es unbedingt lesen.

Aber es ist Fantasy. Es spielt in einer großen Stadt, in der die Magier mit kleinen Artefakten Dinge herstellen. Aber natürlich gibt es dabei auch eine dunkle Seite. Auf jeden Fall ein sehr gutes Buch.

Und welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch

Mistification (Amazon) von Kaaron Warren, eine schräge Geschichte irgendwo zwischen magischem Realismus und Urban Fantasy mit leichem Horroreinschlag. Schwer zu beschreiben. Halt noch ein Buch, das Angry Robot herausgegeben hat. Vielleicht sogar ein wenig wie eine weibliche China Miéville, nur mit kürzeren Büchern. Es ist über einen Jungen, der anscheinend keine Vergangenheit hat und in einem versteckten Zimmer aufgewachsen ist, nachdem alle Anderen in seinem Waisenaus umgebracht wurden. Er wird von seiner Großmutter aufgezogen und als er schließlich entkommt, wird er zu einem echten Magier. Das ist schon sehr lustig, wenn die Menschen um ihn herum skeptisch sind und denken, hinter seine Tricks kommen zu können und dann irgendwann bemerken, dass es keine Tricks sind und er wirklich zaubern kann. In dem Buch werden auch viele folkloristische Geschichten erzählt und Hausmittelchen und Essensrezepte vorgestellt – beispielsweise wie man vor 300 Jahren versucht hat, Epilepsie zu heilen. Es gibt sogar einen Glossar am Ende des Buchs mit den Rezepten und Hausmittelchen.

Können Sie mir zum Abschluss noch Ihr Lieblingsbuch der letzten fünf Jahre verraten?

N.K Jemisin ist eine meiner Lieblingsautorinnen im Moment. Ich habe sie auf dem Imaginales-Festival in Frankreich getroffen und sie ist auch eine großartige Person. Ich saß dann manchmal da und habe die Leute angefeuert, wenn sie ihre Bücher angeschaut haben: “Kauf das. Es ist wirklich gut!” Ihre beiden Bücher habe ich wirklich genossen und freue mich auf das dritte.

Trudi Canavan, herzlichen Dank für das Gespräch.

Im Rahmen ihrer Lesetour durch Deutschland im Juni hatte ich die Gelegenheit, mich mit der autralischen Autorin Trudi Canavan über ihre Bücher und australische Fantasy zu unterhalten. Hier ist der erste Teil unseres Gesprächs:

In Interviews erzählen Sie gerne die Geschichte, wie Sie ein Bericht über die Olympischen Spiele in Barcelona 1992 zu Ihrer ersten Trilogie Die Gilde der schwarzen Magier inspiriert hat. Was war der Auslöser für den aktuellen Zyklus?

Als ich Die Gilde der schwarzen Magier fertig geschrieben habe, hatte ich zehn Jahre daran gearbeitet: Von der Olympiade 1992 bis ich 2002 das dritte Buch mit den letzten Korrekturen an den Verlag gesandt habe. Danach war ich diese Welt und diese Bücher erstmal leid. Ich wollte auch die Figuren nicht mehr sehen und habe geschworen, niemals wieder über Kyralia zu schreiben. Aber ich hatte mir schon eine kleine Idee für einen möglichen Nachfolger notiert und den Gedanken, dass der sachakanische Krieg und die Entstehung der Gilde wirklich gute Themen für einen Roman bieten würden. Nachdem ich dann vier oder fünf Jahre an Das Zeitalter der Fünf gearbeitet hatte, fand ich den Gedanken, nach Kyralia zurückzukehren nicht mehr so schlimm und hatte eine andere Idee für eine neue Reihe, die aber noch nicht ausgereift genug war. Dann habe ich mir nochmal die Ideen für den Vorgänger und den Nachfolger von Die Gilde der schwarzen Magier angeschaut und mich entschieden, die auszubauen. Den Verlagen hat diese Idee dann sehr gut gefallen.

Was war denn diese erste Idee?

Es war die Idee der Verräter-Gemeinde und von Savara, die Cery besucht – zwar aus Sachaka, aber aus einer anderen, geheimen Gesellschaft. Das war nicht nicht sonderlich ausgearbeitet – so lebten sie beispielsweise noch nicht in den Bergen. Sie waren auch noch keine weiblich dominierte Gesellschaft, das kam erst als ich ein paar Bücher mit weiblich dominierten Gesellschaften gelesen hatte, zum Beispiel von Alistair Reynolds. Das ist für mich auch weder eine utopische noch eine dystopische Idee. Es würde nicht perfekt funktionieren, denn jede Gesellschaft, jedes politische System, jede Kultur hat Mängel. Das macht sie ja überhaupt erst interessant. Für den Vorgänger hatte ich schon einen großen Teil der Geschichte im Kopf und habe dann gemerkt, dass es nicht für drei Bücher reichen würde, wohl aber für ein dickes.

Beim Lesen Ihrer Bücher hatte ich das Gefühl, dass Ihre erste Reihe eher auf jüngere Leser abgezielt hat und erst die anschließenden auf ein älteres Publikum. Steckte da ein Plan hinter?

Ich habe damals auf keinen bestimmten Markt gezielt, bin aber nicht auf die Idee gekommen, dass man die Bücher auch als YA einordnen könnte. Aber als mein britischer Verlag eine YA-Ausgabe herausgegeben hat, war das vollkommen logisch. Da habe ich dann auch gemerkt, dass einige der Dinge, die ich geschrieben hatte, diesen Schluss nahelegen: Ich hatte zum Beispiel keine Sex-Szenen in den Büchern, in erster Linie weil ich mir nicht sicher war, dass ich sie gut hätte schreiben können. Dann wird das automatisch wesentlich zugänglicher für jüngere Leser. Und dann gab es auch noch eine junge Hauptfigur. Ich habe dann entschieden, dass die nächste Serie eher für ältere Leser sein wird. Ich habe mir dann überlegt, was ich dafür tun muss und als erstes eine ältere Hauptfigur genommen, Auraya ist Mitte zwanzig. Dann wollte ich noch einfach ein wenig Sex, Drogen und Gewalt einbauen. Mittlerweile muss man aber so unglaublich brutal sein, um jüngere Leser abzuschrecken, dass ich das dann noch nicht gemacht habe. Drogen hingegen würden das Buch zu einem Problembuch machen, was ich auch nicht wollte. Da blieb dann nur noch Sex und so habe ich in jedes der drei Bücher eine Sex-Szene eingebaut. Nicht besonders detaillierte Szenen, aber sie waren da. Wenn Eltern wissen wollen, ob das Buch für ihre Kinder geeignet ist, sollen sie dann einfach den Anfang von Kapitel 20 des ersten Buches lesen und können das dann selbst einschätzen.

Ist das auch der Grund für die auffallend vielen homosexuellen Figuren in Sonea – Die Heilerin?

Nicht wirklich. Ich musste natürlich Dannyl als bereits bekannte schwule Figur wieder in die Handlung einbeziehen und um ihn in einen Konflikt zu stürzen, brauchte ich mehr schwule Figuren: Das ist auf der einen Seite sein Ex und dann eine neue Figur – und schon haben wir diese interessante Dreiecksgeschichte. Dann haben mich im Laufe der Zeit viele Leser gefragt, warum es denn keine lesbischen Figuren gebe und ich hab mir gedacht “warum nicht?”. Als ich dann eine gute Idee für eine entsprechende Handlung hatte, habe ich das eingebaut und so hat gerade dieses Buch eine recht große Zahl von solchen Figuren. Ich habe darauf auch schon einige spannende Reaktionen bekommen: Einigen Lesern fällt das überhaupt nicht auf, während andere mich fragten, ob ich das wirklich machen wollte. Ich habe mir das dann nochmal angeschaut und gesehen, dass ich es nicht übertrieben habe. Im nächsten Buch wird Lilia auch nicht mehr eine so große Rolle spielen, weil ihre Handlungslinie jetzt weitestgehend abgeschlossen ist. Denn ich vermeide es eigentlich, ein Thema aufzugreifen, nur um das Thema aufzugreifen. Für mich war es an dieser Stelle besonders wichtig, es bewusst nicht groß zu thematisieren (“the point was to not make a point”). Es sollte einfach ein Teil der Welt sein. Wenn die Magie in der Welt zu real wie nur möglich erscheinen soll, muss auch alles andere in der Welt möglichst real erscheinen.

Im zweiten Teil spreche ich mit Trudi Canavan darüber, wie sie den Hintergrund ihrer Welten entwickelt und die australische Fantasy-Landschaft – natürlich mit einigen spannenden Buchtipps.

Sonea – Die Heilerin (The Rogue)

, Teil 2

(Penhaligon 2011, 573 Seiten, 9783764530426)

Lebendige und gut ausgestaltete Welt Schnell und schnörkellos, aber manchmal etwas oberflächlich Für Kenner der Serie recht vorhersehbar und ohne große Überraschungen

Die Welt von Kyralia kennen wir aus den Büchern von Trudi Canavan schon seit einigen Jahren: Mit der Trilogie Die Gilde der schwarzen Magier, der Vorgeschichte in Magie und dem aktuellen Sonea-Zyklus hat die australische Autorin sicherlich eine der aktuell bekanntesten und beliebtesten Fantasy-Welten geschaffen. Auch ich habe mich dem Sog ihrer Bücher nicht verschließen können und mich dementsprechend gefreut, als ich das Rezensionsexemplar zu Sonea – Die Heilerin im Briefkasten hatte. Dann hatte ich letzte Woche auch noch die Gelegenheit, Trudi Canavan nicht nur auf einer Lesung live zu erleben, sondern auch ein ausführliches Interview mit ihr zu führen. Aber zu dem Interview komme ich später, jetzt geht es erstmal um ihr aktuelles Buch:

Keinen Leser des ersten Bandes wird es überraschen, dass Canavan die Handlung nahtlos fortsetzt. Sonea ist in Imardin immer noch auf der Jagd nach dem wilden Magier und Dieb Skellin und kämpft mit den Auswirkungen der beliebten Droge Fäule. Ihr Sohn Lorkin hält sich währenddessen in der geheimen Heimat der abtrünnigen Sachakaner in den Bergen auf und versucht, hinter das Geheimnis der magischen Steine zu kommen. Auch bei ihrem Erzähl- und Schreibstil bleibt sich Canavan treu: schnell und schnörkellos, ohne sich mit langen Erklärungen oder Beschreibungen aufzuhalten. Trotzdem habe ich die Welt schon immer als lebendig und glaubwürdig empfunden – wahrscheinlich ein Resultat der vielen Arbeit, die sich die Autorin hinter den Kulissen mit ihrem Weltenbau macht.

Trotzdem habe ich so langsam das Gefühl, dass sich die Welt Kyralia und der Stil Canavans in diesen Büchern so langsam ein wenig abnutzt. Man kennt die Figuren und die Welt mittlerweile so gut, dass viele Wendungen in der Handlung vorhersehbar werden. Auch reißt Canavan viele spannende Themen zwar an, arbeitet sie dann aber nicht wirklich auf. So böten beispielsweise die moralischen Ambiguitäten der Heilung mit Magie, das Spannungsverhältnis zwischen erlaubtem und verbotenen Wissen oder die in Kyralia anscheinend offen gelebte Homosexualität viele spannende Anknüpfungspunkte für Dialoge, Gedankenspiele oder Handlungsstränge, die die Autorin jedoch nicht weiter verfolgt.

Dabei ist gerade die extrem hohe Anzahl von Figuren mit zumindest homosexuellen Tendenzen oder Gedanken für einen Fantasy-Roman sehr ungewöhnlich: vielleicht ein Drittel der zentralen Charaktere lebt diese an irgendeiner Stelle des Buches auch aus. Nicht, dass es mich stören würde, es wird für mich damit jedoch zu einem wichtigen Element der Handlung, über dessen gesellschaftlichen Kontext man leider zu wenig erfährt. Natürlich habe ich die Autorin darauf in dem Interview auch angesprochen und sie wollte dies als Statement darüber verstanden wissen, dass Homosexualität in Kyralia eben nicht groß thematisiert, sondern einfach gelebt wird. Die hohe Konzentration in ihrer Geschichte ergab sich daraus, dass sie einen als schwul eingeführten Charakter in eine Dreiecksgeschichte laufen lassen wollte und sich einige Leser beschwert hätten, es gäbe nur schwule und keine lesbischen Figuren.

Wie dem auch sei, Sonea – Die Heilerin ist ein weiterer lesenswerter Roman aus Australien und erweitert das Panorama der Welt Kyralia um einige spannende Aspekte.

Sonea - Die Hüterin (The Ambassador's Mission)

, Teil 1

(Penhaligon 2010, 576 Seiten, 978-3-7645-3041-9)

Süffige Fantasykost ohne große Überraschungen.

Pünktlich zum Erscheinungstermin und gerade rechtzeitig zu meinem ersten 24-Stunden-Lesemarathon liegt er also vor mir: der erste Band der Nachfolgetrilogie zu Trudi Canavans viel umjubelter Reihe Die Gilde der schwarzen Magier. Und wieder geht es um Sonea, das Mädchen aus den Slums von Imardin, das sich in der ersten Reihe von einer Diebin zur mächtigsten Magierin von Kyralia entwickelt hat. Sie ist einer von zwei Magiern, denen die Gilde erlaubt hat, die ehemals verbotene Schwarze Magie zu erlernen, um einen weiteren Angriff der Schwarzmagier aus Sachaka abwehren zu können. Ihr Sohn Lorkin hat gerade sein Noviziat beendet und begibt sich als Assistent des neuen Botschafters in Sachaka auf eine gefährliche Reise, während sich Sonea und ihr Jugendfreund und Meisterdieb Cery auf die Suche nach einer wilden Magierin und dem Mörder von Cerys Familie machen.

Wie schon die erste Trilogie von Trudi Canavan verspricht auch der Sonea-Zyklus beste Fantasy-Unterhaltung. Wieder entführt die Autorin den Leser in die bekannte Welt, erlaubt es ihm diesmal aber auch, sich aus der Stadt zu entfernen und die Weiten des Landes zu erkunden. Dabei hat er mit Lorkin einen sympathischen Reisebegleiter, der in eine Intrige verwickelt wird, aus der er sich nur mit der Hilfe einer weiteren von Canavans starken Frauenfiguren befreien kann. Auf seiner Flucht Weg durch das fremde Sachaka entsteht vor den Augen des Lesers eine merkwürdige Gesellschaft mit einer starken Rolle von Grundbesitzern und einer selbstverständlichen Sklavenhaltung. Ein Land, in dem Frauen unterdrückt werden und Magie ein selbstverständlicher Teil des Alltags ist. Die detaillierte Schilderung der Hintergründe und Strukturen der Gesellschaft von Sachaka ist es dann auch, die Sonea – Die Hüterin von den Büchern der Debüt-Trilogie von Trudi Canavan unterscheidet. Auch die damit verbundene Handlung weitet den Blick auf die detailliert ausgearbeitete Welt, die mir schon in den Vorgängerromanen sehr gut gefallen hat.

Canavan hat jedoch auch die Stadt Imardin nicht vergessen, die noch vor kurzer Zeit das Zentrum der Kämpfe gegen die sachakanischen Schwarzmagier war. Hier jagen Sonea und Cery einen wilden Magier und schlagen sich mit einer neuen Droge – Feuel – rum, die seit einiger Zeit immer mehr Bewohner der Stadt in ihren Bann zieht. Auch dieser Handlungsstrang ist plausibel geschildert und fügt dem Wissen des Lesers über die Stadt viele interessante Details und spannende Geschichten hinzu. Es fehlt hier jedoch ein wenig die Verbindung zu einer übergreifenden Handlung, die den Zyklus über drei Bände tragen könnte, aber ich vermute, dass dazu ohnehin die Sachaka-Handlung auserkoren wurde.

Insgesamt ist Sonea – Die Hüterin ein durchaus würdiger Nachfolger der großartigen Reihe Die Gilde der schwarzen Magier. Er ist mir jedoch irgendwie zu glatt geraten und oftmals zu vorhersehbar. So versäumt die Autorin es, den Leser durch unerwartete Wendungen zu überraschen oder durch eine ambivalente Figur ein wenig mehr Spannung in den Roman einzubauen. Das Buch fließt wie ein unaufhaltsamer Strom vor sich hin und unterhält den Leser mit einem sehr gefälligen Schreibstil, guten Ideen und einer soliden Handlung. Da sich das Buch im besten Sinne des Wortes süffig liest, war es demnach auch die ideale Lektüre für den Lesemarathon und hat mich über neun der von mir gelesenen 15,5 Stunden sehr gut unterhalten. Überrascht hat es mich – im Positiven wie auch im Negativen – aber selten.

Ein herzlicher Dank geht an den Penhaligon-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Da ganz normales Lesen abends im Sessel oder unterwegs im Zug auf die Dauer ein wenig eintönig ist, habe ich für morgen (und übermorgen) was spannenderes geplant: Von 10 Uhr am Donnerstagmorgen bis 10 Uhr am Freitag wird 24 Stunden am Stück gelesen. Und da man sowas ungerne alleine in Angriff nimmt (und ich von alleine auch niemals auf diese Schnapsidee gekommen wäre), findet das ganz im Rahmen des 2. Lesemarathons bei Lovelybooks statt. Hier in diesem Beitrag werde ich euch dann im Laufe des Tages immer wieder von dem Experiment berichten.

Mittwoch, 23:14 Uhr

Bevor es ins Bett geht, hier noch die Bücher, die ich mir für morgen bereit gelegt habe. Natürlich werde ich nicht alle davon lesen können, aber wenn ich zwei oder sogar drei durchbekomme, bin ich vollkommen zufrieden.

Den Anfang wird auf jeden Fall mein aktuelles Buch Halting State von Charles Stross machen. Danach folgt wahrscheinlich Sonea – Die Hüterin von Trudi Canavan. Wenn dann noch Lust und Energie übrig sind, stehen noch zur Auswahl:

Bis morgen dann, ich geh jetzt vorschlafen.

Donnerstag, 11:05 Uhr

Eine Stunde lesen ist ja noch nicht wirklich viel, daher gibt es auch noch nicht viel zu berichten. Fühlt sich aber irgendwie meerkwürdig an, die nächsten 23 Stunden kaum etwas anderes tun zu werden, als auf dem Rücken zu liegen oder im Sessel zu sitzen und zu lesen. Auf jeden Fall hab ich danach wieder viel Material für die kritische Seite.

12:09

Mitten im Showdown vom ersten Buch. Danach geht es dann vom Cyberpunk-Thriller zu Fantasy…

13:06

Jetzt bewege ich mich nicht mehr im Schottland des Jahres 2018, sondern in Kyralia und steige gerade in das druckfrische Rezensionsexemplar von Sonea – Die Hüterin von Trudi Canavan ein. Die ersten 60 Seiten versprechen schon recht viel.

14:08

Wie von Trudi Canavan nicht anders zu erwarten, ist das Buch bislang einfach süffig und liest sich wunderbar weg. 82 Seiten in 55 Minuten sprechen da eine deutliche Sprache.

18:06

Nach acht Stunden und knapp 550 Seiten ist der erste Schwung an Energie und Konzentration aufgebraucht. Ist aber irgendwie spannend zu beobachten, wie ein Tag vorbeifließt, während man einfach so in einem Buch versunken ist. Wenn es dann auf einmal 18 Uhr ist, fragt man sich schon, wo der Tag hin ist und erinnert sich dann an die Reisen und Abenteuer, die man bereits erlebt hat und die einem kein “realer” Tag geboten hätte. Nun mach ich auf jeden Fall mal etwas langsamer, schau ein wenig Fußball und lese dabei ein paar Seiten.

21:28

Nach insgesamt 11 Stunden Lesemarathon habe ich das erste vollständige Buch durch. Und ich muss sagen, dass Sonea – Die Hüterin ein durchaus würdiger Nachfolger der Reihe Die Gilde der schwarzen Magier ist. Eine ausführliche Rezension folgt dann im Laufe des Wochenendes. Nun werde ich mal wieder das Genre wechseln und mich mit Denken hilft zwar, nützt aber nichts von Dan Ariely zu den Sachbüchern begeben.

Freitag, 01:12 Uhr

Jetzt liegt auch t Denken hilft zwar, nützt aber nichts von Dan Ariely hinter mir und die letzte Stunde oder zwei widme ich mich jetzt noch Kind der Zeit von Isaac Asimov und Robert Silverberg.

Freitag, 01:55

Mit 1022 gelesenen Seiten in 15,5 Stunden beschließe ich jetzt auch mal, dass es Zeit für’s Bett wird. Ein Tempo von mehr als 60 Seiten pro Stunde hätte ich mir am Anfang über die lange Strecke echt nicht zugetraut und mit viel Wille, ginge es wohl auch noch eine oder zwei Stunden, aber da mir morgen ein Familienbesuch und 25 Kilometer auf dem Fahrrad bevorstehen, will ich doch noch ein paar Mützen Schlaf abbekommen. Mehr zu den gelesenen Büchern gibt es dann in der nächsten Zeit an dieser Stelle.

Nachdem Sonea in der vielumjubelten Reihe Die Gilde der schwarzen Magier von einer Diebin zur Meisterin der schwarzen Magie wurde, erscheint ab diesem Jahr eine Nachfolge-Trilogie im Penhaligon-Verlag. Der erste Band unter dem deutschen Titel Sonea. Die Hüterin spielt 20 Jahre nach den Ereignissen der ersten Trilogie und rückt neben Sonea auch ihren Sohn Lorkin in den Mittelpunkt. Auf der Homepage von Trudi Canavan sind die beiden weiteren Bände der Reihe für 2011 (The Rogue) und 2012 (The Traitor Queen) angekündigt.

Wie es mittlerweile zum guten Ton gehört, gibt es hierzu natürlich auch eine Leseprobe und einen Buchtrailer:

(Quelle: randomhouse.de)