Alle Kritiken zu Robert Silverberg

& Der positronische Mann (The Positronic Man)
 Einbruch der Nacht (Nightfall)
Der heiße Himmel um Mitternacht (Hot Sky at Midnight)
 Die Seelenbank (To Live Again)
 König der Erinnerungen (Sorcerers of Majipoor)
 Lord Prestimion (Lord Prestimion)
 König der Träume (The King of Dreams)

Alle Berichte zu Robert Silverberg

12. Mai 2010 Stoff! Ich brauch mehr Stoff!

Da ganz normales Lesen abends im Sessel oder unterwegs im Zug auf die Dauer ein wenig eintönig ist, habe ich für morgen (und übermorgen) was spannenderes geplant: Von 10 Uhr am Donnerstagmorgen bis 10 Uhr am Freitag wird 24 Stunden am Stück gelesen. Und da man sowas ungerne alleine in Angriff nimmt (und ich von alleine auch niemals auf diese Schnapsidee gekommen wäre), findet das ganz im Rahmen des 2. Lesemarathons bei Lovelybooks statt. Hier in diesem Beitrag werde ich euch dann im Laufe des Tages immer wieder von dem Experiment berichten.

Mittwoch, 23:14 Uhr

Bevor es ins Bett geht, hier noch die Bücher, die ich mir für morgen bereit gelegt habe. Natürlich werde ich nicht alle davon lesen können, aber wenn ich zwei oder sogar drei durchbekomme, bin ich vollkommen zufrieden.

Den Anfang wird auf jeden Fall mein aktuelles Buch Halting State von Charles Stross machen. Danach folgt wahrscheinlich Sonea – Die Hüterin von Trudi Canavan. Wenn dann noch Lust und Energie übrig sind, stehen noch zur Auswahl:

Bis morgen dann, ich geh jetzt vorschlafen.

Donnerstag, 11:05 Uhr

Eine Stunde lesen ist ja noch nicht wirklich viel, daher gibt es auch noch nicht viel zu berichten. Fühlt sich aber irgendwie meerkwürdig an, die nächsten 23 Stunden kaum etwas anderes tun zu werden, als auf dem Rücken zu liegen oder im Sessel zu sitzen und zu lesen. Auf jeden Fall hab ich danach wieder viel Material für die kritische Seite.

12:09

Mitten im Showdown vom ersten Buch. Danach geht es dann vom Cyberpunk-Thriller zu Fantasy…

13:06

Jetzt bewege ich mich nicht mehr im Schottland des Jahres 2018, sondern in Kyralia und steige gerade in das druckfrische Rezensionsexemplar von Sonea – Die Hüterin von Trudi Canavan ein. Die ersten 60 Seiten versprechen schon recht viel.

14:08

Wie von Trudi Canavan nicht anders zu erwarten, ist das Buch bislang einfach süffig und liest sich wunderbar weg. 82 Seiten in 55 Minuten sprechen da eine deutliche Sprache.

18:06

Nach acht Stunden und knapp 550 Seiten ist der erste Schwung an Energie und Konzentration aufgebraucht. Ist aber irgendwie spannend zu beobachten, wie ein Tag vorbeifließt, während man einfach so in einem Buch versunken ist. Wenn es dann auf einmal 18 Uhr ist, fragt man sich schon, wo der Tag hin ist und erinnert sich dann an die Reisen und Abenteuer, die man bereits erlebt hat und die einem kein “realer” Tag geboten hätte. Nun mach ich auf jeden Fall mal etwas langsamer, schau ein wenig Fußball und lese dabei ein paar Seiten.

21:28

Nach insgesamt 11 Stunden Lesemarathon habe ich das erste vollständige Buch durch. Und ich muss sagen, dass Sonea – Die Hüterin ein durchaus würdiger Nachfolger der Reihe Die Gilde der schwarzen Magier ist. Eine ausführliche Rezension folgt dann im Laufe des Wochenendes. Nun werde ich mal wieder das Genre wechseln und mich mit Denken hilft zwar, nützt aber nichts von Dan Ariely zu den Sachbüchern begeben.

Freitag, 01:12 Uhr

Jetzt liegt auch t Denken hilft zwar, nützt aber nichts von Dan Ariely hinter mir und die letzte Stunde oder zwei widme ich mich jetzt noch Kind der Zeit von Isaac Asimov und Robert Silverberg.

Freitag, 01:55

Mit 1022 gelesenen Seiten in 15,5 Stunden beschließe ich jetzt auch mal, dass es Zeit für’s Bett wird. Ein Tempo von mehr als 60 Seiten pro Stunde hätte ich mir am Anfang über die lange Strecke echt nicht zugetraut und mit viel Wille, ginge es wohl auch noch eine oder zwei Stunden, aber da mir morgen ein Familienbesuch und 25 Kilometer auf dem Fahrrad bevorstehen, will ich doch noch ein paar Mützen Schlaf abbekommen. Mehr zu den gelesenen Büchern gibt es dann in der nächsten Zeit an dieser Stelle.

Kurze und knackige Auseinandersetzung mit der Unsterblichkeit der Seele.

Der Mensch ist potenziell unsterblich: In einer schnellen Prozedur lassen sich Kopien der Seele erstellen, die dann nach dem Tod in den Körper eines anderes Menschen als “Zweitseele” eingesetzt werden können. Das kostet allerdings viel Geld und es ist daher kaum verwunderlich, dass unter den Erfolgreichen der Gesellschaft schnell ein Wettbewerb um die interessantesten, klügsten und reichsten Persönlichkeiten entsteht. So auch zwischen John Roditis und Mark Kaufmann, die sich um die Persona von John Kaufmann, Marks Onkel, streiten. Während die Kaufmanns eine etablierte Unternehmerfamilie sind, sehen sie Roditis als Emporkömmling, der keinesfalls vom Wissen und der Erfahrung ihres Johns profitieren soll. So kommt es zu einem Hin und Her um die Persona in dem auch Roditis’ Assistent und Kaufmanns Tochter Risa eine wichtige Rolle spielen.

Mit 140 Seiten ist Die Seelenbank von Robert Silverberg ist ein kurzes Buch, das es aber in sich hat. So wirft es Fragen zur Natur des Menschen, zum Wunsch nach Unsterblichkeit, zu inneren Konflikten und dem Umgang mit Gegnern auf. Wie gewohnt steckt der Autor voller guter Ideen und versteht es wie kaum ein anderer, den Leser in seine Welten zu ziehen. Gerade die plastische Schilderung von inneren Spannungen und Konflikten der Akteure regt den Leser dazu an, sich zu den Themen des Buchen Gedanken zu machen, und mit den handelnden Figuren mitzufiebern. Dabei wirkt Silverbergs Welt trotz des technologischen Fortschritts nicht fremd, sondern jederzeit verständlich, was es einfach macht, die Motivation der glaubwürdigen Akteure nachzuvollziehen.

Würdiger Abschluss einer farbenprächtigen Fantasy-Reihe.

König der Träume ist der dritte und letzte Band von Robert Silverbergs Legenden von Majipoor. Nachdem Prestimion im ersten Band den ursupierten Thron zurückerobert hat und in Band Zwei seinen Thron gegen einen Aufrührer verteidigt hat ist nun der Pontifex Confalume gestorben und Prestimion tritt dessen Nachfolge im Labyrinth an. Dekkeret, der zu Beginn seiner Amtszeit Prestimions Leben gerettet hat soll neuer Coronal werden.
Auf dem weit entfernet Kontinent Zimroel bahnt sich inzwischen neues Unheil an. Die Neffen von Dantirya Sambail planen mit Hilfe von Mandralisca dem diabolischen Vorkoster ihres Onkels, den Kontinent der Herrschaft des Coronals und des Pontifex’ zu entziehen. Dabei gelangen sie in den Besitz von Maschinen, mit denen sich die Träume der Menschen auf Majipoor beeinflussen lassen. Auch die Familie des Pontifex ist vor diesen Angriffen nicht gefeit.

Der dritte Band der Trilogie setzt den Aufwärtstrend, der schon in Lord Prestimion zu erkennen war fort. Dadurch, dass der Leser die Charaktere bereits gut kennt, muss Silverberg keine Zeit mehr darauf verwenden, sie dem Leser vorzustellen. Dafür kann er sich sehr gut auf deren weitere Entwicklung und die Entwicklung der Handlung konzentrieren. Auch die Welt wird durch die detaillierte Beschreibung der Strukturen und Orte auf Majipoor noch plastischer. Lediglich über die Geschichte des Planeten erfährt man immer noch nicht viel mehr.
Die Handlung ist innerhalb der von Silverberg geschaffenen Welt logisch und stringent auch wenn sie manchmal ein wenig konstruiert wirkt. Dies mindert jedoch das Lesevergnügen in keinster Weise.

Sehr guter zweiter Band, mit intensiverer Atmosphäre, aber etwas schwächerer Handlung.

Nachdem Lord Prestimion es in König der Erinnerungen gelungen ist, dem Ursupator Korsibar die Krone des Coronals wieder abzunehmen, muss er sich nun um die Verwaltung des riesigen Planeten Majipoor kümmern. Dabei steht eine Epedemie des Wahnsinns im Mittelpunkt des Interesses, denn Prestimion vermutet, selber für diese verantwortlich zu sein und befürchtet eine weitere Ausdehnung.
Zudem spielt auch der Prokurator des großen Kontinentes Zimroel eine wichtige Rolle. Er wurde am Ende des Bürgerkrieges von Prestimion verhaftet, ihm gelingt aber die Flucht und so muss Prestimion ihn über den halben Kontinent verfolgen um dessen Plan eines erneuten Krieges um die Krone zu vereiteln.
Zwischen all diesen Problemen lernt Prestimion auch noch die Kaufmannstochter Varaile kennen und lieben.

Nachdem Silverberg in König der Erinnerungen eine epische Geschichte relativ zügig und mit wenig Atmosphäre erzählt, findet er in Lord Prestimion ein deutlich besseres Gleichgewicht zwischen Handlung und Weltbeschreibung. Die riesige Welt Majipoors wird durch die weiten Reisen Prestimions und seiner Gefolgsleute sehr intensiv und glaubwürdig beschrieben. Der Leser kann sich Situationen sehr gut bildlich vorstellen und auch die Charaktere wirken plastischer als im ersten Band. Zur Geschichte der Welt sagt Silverberg aber immer noch sehr wenig.
Dafür scheint die Handlung dieses Mal deutlich konstruierter, wirkt aber durch die Verknüpfungen zu dem in dieser Hinsicht sehr guten ersten Band immer noch im Großen und Ganzen plausibel.

Farbenfrohe Welt, plastische Figuren aber relativ emotionslos.

Majipoor ist ein Planet der vor vielen Tausend Jahren von Menschen besiedelt wurde. Dort hat sich ein ganz spezielles Regierungssystem entwickelt. Oberster Herrscher ist der Pontifex, der unterirdisch in einem steinernen Labyrinth lebt. Sein Stellvertreter und Nachfolger ist der Lord Coronal, der in einer Burg auf dem 30 Meilen hohen Gipfel des Burgbergs residiert und die Geschicke der Welt leitet. Unterstützt wird er von der Lady der Insel, seiner Mutter, die mit dem Volk über Traumsendungen kommuniziert. Dabei ist es brauch, dass der Coronal kurz vom Tod des Pontifex seinen eigenen Nachfolger ernennt. Dieser darf aber nicht sein Sohn sein.
Doch als der amtierende Pontifex Prankipin stirbt, reißt der Sohn des Coronals Korsibar die Krone an sich und übergeht so den von seinem Vater ausgewählten Prinz Prestimion. Dieser will die Machtergreifung nicht akzeptieren, stellt sich aber vorerst nicht offen gegen den beliebten Korsibar. Doch bald entwickelt sich auf der friedlichen Welt ein Krieg wie es ihn seit tausenden Jahren nicht gegeben hat.

König der Erinnerungen ist der erste Teil von Robert Silverbergs Trilogie Die Legenden von Majipoor. In dem Roman führt er den Leser anhand des Konfliktes zwischen Korsibar und Prestimion in die Welt und ihre Geschichte ein. Dabei entwickelt er eine spannende Handlung die durch überraschende Wendungen immer wieder zum Weiterlesen motiviert. Auch die Welt die er aufbaut ist farbenprächtig und voll kreativer Ideen und die Charaktere sind vielschichtig und glaubwürdig. Es gelingt Silverberg jedoch nicht wirklich, dem Leser diese Welt wirklich plastisch vor Augen zu führen und ihn in die Welt hereinzuziehen. Seine Beschreibungen sind etwas distanziert und wirken sehr nüchtern. Selbst die blutigste Schlacht bleibt relativ emotionslos. Auch bleibt die Geschichte der Welt im Dunkeln, was ein wirklichen Einfühlen in die Gesellschaft verhindert.

Der heiße Himmel um Mitternacht ist ein gutes und spannendes Buch, dem aber irgendwie die Zielstrebigkeit fehlt.

Farkas ist ein ganz besonderer Mensch. Da, wo bei anderen die Augen sitzen, hat er nur zugewachsene Höhlen und trotzdem ist er nicht blind. Er kann sich orientieren und bewegen wie jeder andere Mensch auch. Allerdings hat er ganz andere art wahrzunehmen, da er das Produkt pränataler genetischer Manipulationen ist.
Paul Carpenter ist ein ganz “normaler”Mensch. Er arbeitet für einen der beiden weltbeherrschenden japanischen Großkonzerne und seine Aufgaben erstrecken sich über Wettervorhersagen bis hin zu Frachtschiffkapitän auf dem Pazifik. Das nötige Wissen erhält er in einer Art “Hypnoschulung”vor Antritt der jeweiligen Position.
Beide leben auf einer Erde, die kurz vor dem finalen Kollaps steht. In den Städten ist ein Aufenthalt im Freien nicht mehr ohne Gasmaske möglich und ständig bedrohen neue Giftwolken, die über das Land ziehen die Menschen. Im Orbit der Erde gibt es mittlerweile einige Satellitenwelten, die geschlossene, kleine Mikrokosmen darstellen und politisch von der Erde unabhängig sind. Jeder der es sich leisten kann und eine Genehmigung bekommt, versucht dort ein neues Leben zu beginnen. Besonders attraktiv ist der Satellit Valparaiso in dem ein Diktator El Supremo herrscht. Auf dieser Welt finden all jene Unterschlupf, die auf der Erde verfolgt oder ausgestoßen sind. Deshalb ist diese Welt auch für die Erdenregierungen besonders interessant. Und so geraten Farkas und Carpenter in ein Spiel dessen Regeln sie nicht durchschauen, dass sie aber maßgeblich mit gestalten.

Wie in der Inhaltsangabe schon durchscheint ist die Handlung, die Silverberg auf den 476 Seiten seines Romans dem Leser präsentiert sehr umfangreich. Und hier liegt auch gleich die große Schwäche von Der heiße Himmel um Mitternacht: Silverberg weiß nicht, was sein Roman eigentlich sein soll: Charakterstudie, Dystopie oder Öko-Thriller.
Für eine Charakterstudie sind zwei gleichberechtigte Hauptfiguren in einer derart komplexen Welt einfach zu viel und es gelingt Silverberg nicht, dem Leser beide so vertraut zu machen, wie es nötig wäre. Für eine Dystopie fehlen oftmals Atmosphäre und Dichte und für einen Thriller ist die Handlung nicht fesselnd und schnell genug. So pendelt Silverberg zwischen den Genres und schafft es einfach nicht, den Leser über längere Strecken mitzureißen und in seiner Welt gefangen zu nehmen.
Dabei ist Der heiße Himmel um Mitternacht beileibe kein schlechtes Buch. Silverbergs Schreibe ist flüssig wie immer und die Ideen, die er dem Leser präsentiert sind glaubwürdig und oft sogar erschreckend, weil sie nur konsequente Fortführungen heute bereits existierender Tendenzen sind. Auch die Actionszenen sind durchaus solide und spannend, aber irgendwie fehlt dem Buch der große Bogen, das Gesamtbild. Oft wirkt es eher wie eine Aneinanderreihung von guten Einzelszenen, die durch eine gemeinsame Handlung verbunden sind, in sich aber unterschiedliche Intentionen haben.

Spannende und anspruchsvolle Science Fiction von zwei Altmeistern des Genres.

Über dem Planeten Kalgash kreisen sechs Sonnen, und die Dunkelheit ist seinen Bewohnern unbekannt. Es gibt sogar eine instinktive Angst vor ihr.
Auf diesem Planeten existiert eine Sekte, die den Untergang der Zivilisation für ein bestimmtes Datum vorhersagt. Sie kündet ein verheerendes Feuer an, das die Götter auf Kalgashs Bewohner loslassen würde, um sie für ihre Abkehr vom rechten Weg zu bestrafen. Diese Sekte jedoch wird von den meisten für eine Gruppe Irrer gehalten.
In dieser Situation, kurz vor dem angekündigten Weltuntergang, treffen nun einige merkwürdige wissenschaftliche Erkenntnisse aufeinander: Zum einen entdeckt eine Archäologin einen Hügel aus niedergebrannten Städten;zum anderen entdeckt ein Astronom einen Fehler in der allgemein als richtig angenommenen Gravitationslehre, mit deren Hilfe die Position der Sonnen vorherberechnet werden kann.
Alle diese Hinweise deuten auf eine einbrechende Nacht hin. Doch niemand glaubt diese Theorie…

Einbruch der Nacht ist eine weitere Romanausarbeitung einer Kurzgeschichte Asimovs durch Robert Silverberg. Und wie mit Der positronische Mann ist Silverberg ein faszinierender Roman gelungen.
Silverberg beschreibt die Angst dieser fremden Kultur sehr plastisch und zeigt dem Leser mit einer kleinen Kostprobe gleich zu Beginn, was die Bewohner von Kalgash nach 150 Seiten erwartet. Durch diesen Kunstgriff schafft es der Autor, beim Leser, der ansonsten sehr früh ahnt, wie sich die Dinge entwickeln werden, eine Neugier dafür zu erwecken, was da kommt.
Die Kultur auf dem Planeten Kalgash ist nicht sonderlich detailliert beschrieben. Silverberg beschränkt sich bewusst auf die handlungsrelevanten Aspekte. Dadurch bekommt Einbruch der Nacht eine hohe Intensität und lässt den Leser schon nach wenigen Seiten nur noch schwerlich los.
Auch inhaltlich bieten Silverberg und Asimov einiges auf. So schildern sie die Streitigkeiten zwischen Wissenschaft und Religion, aber auch die Auswirkungen, die völlig unbegründete Ängste auf eine Zivilisation haben können. Zudem wird dem Leser auch die Beschränktheit eines jeden Weltbildes plastisch vor Augen gehalten.