Alle Kritiken zu John Grisham

Berufung (The Appeal)
 Das Testament (The Testament)
 Der Anwalt (The Associate)
 Der Klient (The Client)
 Der Richter (The Summons)
 Der Verrat (The Street Lawyer)
 Die Begnadigung (The Broker)
 Die Bruderschaft (The Brethren)
 Die Farm (A Painted House)
 Die Kammer (The Chamber)
 Die Liste (The Last Juror)

Alle Berichte zu John Grisham

26. Februar 2010 Jugendbücher von John Grisham?

Berufung (The Appeal)

(Dell 2000, 484 Seiten, 978-0-440-29688-1)

Grisham kann auch zwischen zwei Gerichtsprozessen einen spannenden Roman aufziehen.

Cary County, ein Landkreis in Mississippi, wird wegen einer deutlichen Häufung von Krebsfällen auch als Cancer County verspottet, und ein Schuldiger ist auch bereits gefunden: Eine frühere Pestizid-Fabrik, die das Grundwasser verseucht.

Nach einem langen Gerichtsprozess, für den sich das Anwaltsehepaar Mary Grace und Wes Payton bis über beide Ohren verschuldet haben, wurden die ehemaligen Betreiber der Fabrik zu einer Millionenstrafe verurteilt. Die Verurteilten gehen in Berufung, aber bevor der oberste Gerichtshof von Mississippi über den Fall entscheidet, ist erst einer der Richterposten dort in einer Wahl neu zu besetzen.

Hier taucht überraschend ein sehr wirtschaftsfreundlicher Kandidat auf, der für seinen Wahlkampf schier unerschöpfliche Spenden einwirbt.

Mit The Appeal hat John Grisham einen spannenden Roman geschrieben, der diesmal nicht während eines großen Gerichtsprozesses spielt, sondern danach. Im Vergleich zu vielen früheren Werken Grishams ist dies etwas überraschend, wenn schon auf den ersten Seiten das Urteil verkündet wird.

Dies soll jedoch nicht negativ gemeint sein, vielmehr gelingt dem Autor eine sehr schöne Darstellung des Wahlkampfes um ein hohes Richteramt, und des Versuches, so indirekt ein Urteil zu kaufen. Lebhaft geschildert ist dabei das Gegeneinander der beiden Lobbygruppen: auf der einen Seite Rechtsanwälte, die Schadensersatzklagen verhandeln, und auf der anderen Seite Unternehmer, die entsprechende Millionenzahlungen vermeiden wollen. Bei der Erzählung kommen jedoch auch die ursprünglichen Opfer nicht zu kurz, die unter dem chemisch verseuchten Wasser zu leiden haben.

Definitiv eines der besten Bücher aus der Feder Grishams. Wer bisher nur den Film gesehen hat, hat was verpasst, denn das Buch ist noch besser.

Der 11-jährige Mark Sway beobachtet mit seinem kleine Bruder Ricky den Selbstmord des Mafia- Anwalts Jerome Clifford. Doch bevor sich dieser eine Kugel in den Kopf jagt, erzählt er Mark im Todesrausch, wo sein Mandant Barry “Das Messer” die sterblichen Überreste seines letzten Opfers, eines Senators, versteckt hat. Die Leiche ist der einzige Beweis im Mordprozeß gegen ihn und so hat Mark bald nicht nur die Mafia, sondern auch einen gerissenen Staatsanwalt am Hals, der ihm sein Geheimnis mit unlauteren Mitteln entlocken will. Marks einzige verbleibende Hoffnung ist Reggie Love, eine in die Jahre gekommene Anwältin, die selbst nicht so recht weiß, was sie von ihrem kleinen Klienten halten soll…

Grishams wahrscheinlich bekanntester Roman greift das altbewährte Anwaltskonzept wieder auf und dieses wird perfekt verarbeitet. An Spannung kaum zu überbieten, enthält das Buch klar gezeichnete, charismatische Figuren, die und auch das Quentchen Menschlichkeit nicht vermissen lassen.

Das Testament (The Testament)

(Island Books 2000, 533 Seiten, 0-440-23474-3)

The Testament ist wieder ein ruhiger, aber wahrlich nicht schlechter Roman von John Grisham. Mehr davon!

Troy Phelan ist ein millionenschwerer Geschäftsmann, der seine Familie hasst. Er ändert sein Testament und vermacht sein Vermögen seiner Familie. In einer regelrechten Zermonie unterschreibt er das Testament unter den Augen seiner Kinder, die ihn über Videokamera beobachten können. Als die Kamera aber abgeschaltet wird, zieht er einen neuen letzten Willen aus der Tasche und unterschreibt ihn nur vor den Augen seines Vertrauten. Danach springt er aus dem Fenster und stirbt. Er hat seinen Vertrauten in diesem neuen Testament angewiesen, es erst nach zwei Monaten zu eröffnen. Seine Familie gibt in dieser Zeit das Geld, das sie glaubt zu erben, mit vollen Händen aus. Phelan hat ihnen aber in seinem neuen Testament nur die Erstatung aller ihrer Schulden an seinem Todestag vermacht. Sein ganzes Vermögen geht an seine, ihm und allen anderen unbekannte, uneheliche Tochter Rachel Lane, die als Missionarin inmitten des Brasilianischen Dschungels arbeitet. Nate O’Riley ist ein frisch aus der Alkohol-Rehabilitation entlassener Anwalt, der nun die Aufgabe bekommt, Rachel Lane zu finden. Dazu macht er sich in einem riesigen unübersichtlichen Gebiet des Dschungels auf die Suche nach der verlorenen Erbin. Phelans Familie vesucht derweil zu Hause, das letzte Testament anzufechten.

The Testament ist mal wieder ein eigentlich eher untypischer Roman Grishams, wenn man ihn mit Büchern wie Die Jury oder Die Kammer vergleicht, schließt aber an Der Verrat an. Grisham wählt nicht das Milieu der jungen, ehrgeizigen Awälte, sondern wählt diesmal einen kaputten Alkoholiker, den all seinen Bekannten bereits abgeschrieben haben und der, ohne es zu wollen, in eine völlig neue Umgebung kommt. Dabei beschreibt er sowohl den Charakter des Nate O’Riley als auch die Abenteuer in Brasilien sehr eindringlich und versetzt den Leser in die Lage, sich in seine Position einzudenken und mit ihm mitzufühlen. Grisham baut eine ungeheure Sympathie für diesen anfänglich zu unsympathischen Anwalt auf. Die Beschreibungen der Situation im Urwald gehen aber leider manchmal sehr auf Kosten der Spannung, was den Lesefluss zu Beginn doch ein wenig hemmt. Man freut sich dann auf die Handlung in den USA, die dann noch erheblich spannender ist. Doch gegen Ende wird auch die südamerikanische Handlungseben immer spannender. Als Nate dann auch noch Rachel findet, wird Grisham in manchen Szenen sogar regelrecht philosophisch.

Der Verrat (The Street Lawyer)

(Arrow Books 1998, 358 Seiten, 0-09-92-4492-6)

Insgesamt ein guter Grisham, der mir wesentlich besser gefällt als "Die Firma"oder "Der Klient", da er nur wenig auf vordergründige Action setzt, sondern nachdenklich stimmt und gute Unterhaltung bietet. Jedoch nicht ganz so gut wie "Die Jury"oder "Das Urteil".

Michael Brock ist ein aufstrebender Anwalt der Kanzlei Drake & Sweeney. Er ist auf der Schnellstraße in Richtung Partnerschaft, bis zu der Begegnung mit “Misterquot;. quot;Misterquot;kommt eines Tages in die Kanzlei und nimmt 9 Anwälte als Geiseln. Er stellt keine Forderungen sondern hält den Anwälten nur ihren Reichtum vor, und beschuldigt sie den Obdachlosen nicht zu helfen. Er weist ihnen dieses sogar anhand ihrer Steuererklärungen nach. Als er das von einer Obdachlosenküche bestellte Essen, Suppe und Brot, abholen will wird er aus einem Hinterhalt erschossen. Michael bekommt dabei eine Menge Blut des Toten ins Gesicht. Als er sich daraufhin für die Obdachlosen zu interessieren beginnt trifft er auf Mordecai Green, der in einer Gruppe mit Anwälten arbeitet, die die Obdachlosen kostenlos vertreten. Green führt ihn in die Welt der Obdachlosen ein. Bei seiner Arbeit in einer Obdachlosenküche lernt er eine Mutter mit ihren vier Kindern kennen und will ihnen am nächsten Tag einige Sachen zu Essen, Kleidung und Spielzeuge kaufen. Doch er kann die Mutter nicht mehr finden. Am nächsten Tag liest er von dem Tod der Familie in der Zeitung. Als er durch eine anonyme Quelle erfährt, dass seine Firma mitverantwortlich dafür ist, das die Familie auf der Straße lebte kann er in seiner Firma nicht mehr weiter arbeiten und schließt sich der Gruppe um Mordecai Green an. Seine Frau schmeisst ihn aus dem Haus und er zieht in eine kleine 2-Zimmer Wohnung in einem ärmlichen Washingtoner Vorort. Er versucht aber weiterhin die Geschehnisse rund um das Lagerhaus, in dem die Familie lebte aufzudecken. Deswegen nimmt er eine Akte aus dem Schranke eines Partners um sie zu kopieren. Jedoch wird er in einen Autounfall verwickelt und kann die Akte deshalb nicht zurückbringen. Daraufhin wird er von der Firma als Dieb verfolgt. Es folgen zwei Hausdurchsuchungen und eine Festnahme. Aus der Akte erfährt er, dass Drake & Sweeney das Lagerhaus, in dem die Familie und noch 15 weitere Obdachlose wohnten, räumen ließ, obwohl die Meschen die darin lebten an den Eigentümer Miete zahlten. Er versucht nun neben seinem alltäglichen Geschäft als Obdachlosenanwalt auch noch seine Firma zu verklagen.

Für seinen neuesten Roman (in Deutschland) hat sich John Grisham eine ungewöhnliche Szenerie ausgesucht. Der Roman spielt im Obdachlosenmilieu von Washington D.C. Dies ist besonders dann ungewöhnlich, wenn man bedenkt, daß Grisham seine Bücher bisher eher in der gehobenen Anwaltsschicht Amerikas spielen ließ. Doch wie in “Die Firma” wendet sich hier ein aufstrebender Junganwalt gegen seine Kanzlei und deckt ein Komplott auf. Auch insgesamt hat mich das Buch von seiner Story an die Firma erinnert, wobei in dem neuesten Werk die Dimensionen etwas heruntergesetzt wurden. So geht es nicht um eine Mafiafamilie, sondern “nur”um die unrechtmäßige Räumung eines von Obdachlosen bewohnten Lagerhauses und dem Anwalt droht nicht der Tod, sondern eine Haftstrafe wegen Diebstahls. Grisham gelingt es in seinem Roman die Situation der Obdachlosen ergreifend zu schildern, es gelingt ihm den Leser mit seinem Schreibstil zu fesseln. Diese Schilderungen machen einen großen Teil des Buches aus. Ungewohnterweise peitscht Grisham die Handlung nicht vorwärts, sondern läßt sie sich ganz langsam entwickeln, so dass die Verhandlung zwischen Michael und seiner Firma nur ca.35 Seiten einnimmt. Jedoch tut das der Qualität des Buches keinen Abbruch. Denn auch die Charaktere wirken realistisch und sind gut und lebendig geschildert, wobei gut und böse aber auch klar differenziert sind. Lediglich der entscheidende Wandel im Leben von Michael Brock scheint für mich doch etwas zu plötzlich zu kommen und wirkt auf den ersten Blick übertrieben. Hier hätte ein etwas größerer innerer Zwiespalt die Story realistischer erscheinen lassen können.

Die Farm (A Painted House)

(Dell 2001, 465 Seiten, 0-440-29591-2)

Wenn Grisham weiterhin so gute, ruhige Romane schreibt möchte ich eigentlich gar keine rasanten Gerichtsthriller von ihm mehr lesen.

1952 ist Luke Chandler sieben Jahre alt. Er lebt mit seinen Eltern und Großeltern auf einer Baumwollfarm im US-Amerikanischen Süden. Für ihn besteht das Leben aus Farmarbeit, Schule und den Baseballsaison, deren Spiele er jede Woche im Radio hört. Die Ernte steht wieder bevor und diesmal will Luke auch selber mitarbeiten, um sich mit dem Geld einen Traum zu erfüllen: eine Baseballjacke. Als er mit seinem Großvater in die Stadt fährt, um Erntearbeiter zu rekrutieren treffen sie auf die Spruills, die aus den Bergen gekommen sind und arbeit suchen. Außerdem engagieren sie noch eine Gruppe Mexikaner. Während die Spruills ein Zeltlager im Vorgarten der Chandlers einrichten werden die Mexikaner in einer umgebauten Scheune einquartiert. Nach wenigen Wochen Ernte beobachtet Luke, wie der älteste Sohn der Spruills in einem Kampf einen einheimischen tötet. Da er jedoch Angst vor einer Strafe hat – er sollte sich von Kämpfen fernhalten – behauptet er, nichts gesehen zu haben. Dies ist jedoch nur das erste der vielen Geheimnisse die nun Lukes heile Welt überfluten und sie für immer verändern.

Keine Anwälte? Keine Intrigen? Das soll ein Grisham sein? Ja, und was für einer! A Painted House ist Grishams erster Roman in dem nicht ein Anwalt die Hauptrolle spielt, sondern ein kleiner siebenjähriger Junge. Auch gibt es diesmal keine großangelegte Verschwörung oder aufsehenerregenden Gerichtsprozess, sondern “nur” eine von vielen Baumwollernten in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Aber wie Grisham diese Geschichte erzählt ist beeindruckend. Von der ersten Seite an nimmt die Atmosphäre den Leser gefangen und lässt ihn nicht wieder los. Treffsicher beschreibt der Autor die harte, aber irgendwie ruhige und idyllische, Welt der Baumwollfarmer aus der Sicht des kleinen Jungen. Dabei lässt er dem Leser genügend Zeit, sich in seine Welt einzutauchen, bevor er mit der eigentlichen Handlung beginnt. Auch diese Handlung ist eigentlich nicht rasant, aber so intensiv und detailliert beschrieben, dass man jede Bewegung vor seinem inneren Auge ablaufen sieht. In manchen Szenen schafft es Grisham sogar, den Leser die selbe Luft atmen zu lassen wie auch Luke. Man spürt förmlich die heiße, trockene Luft der Sommernächte in den Südstaaten. Man merkt, dass Grisham hier seine eigenen Kindheitserinnerungen einflicht. Anders ist sein Gespür für Atmosphäre kaum zu erklären. Auch seine Charakterisierungen sind brillant und er lässt sich für jeden Charakter Zeit um ihn ausführlich dem Leser vorzustellen – natürlich ohne ellenlange Beschreibungen.

Es scheint, als habe John Grisham seinen Stilwechsel nun abgeschlossen. Waren schon The Street Lawyer, The Testament, The Partner und The Brethren keine reinen Gerichtsthriller mehr so hat er diesen mit A Painted House endgültig den Rücken gekehrt.