Alle Kritiken zu John Grisham

Berufung (The Appeal)
 Das Testament (The Testament)
 Der Anwalt (The Associate)
 Der Klient (The Client)
 Der Richter (The Summons)
 Der Verrat (The Street Lawyer)
 Die Begnadigung (The Broker)
 Die Bruderschaft (The Brethren)
 Die Farm (A Painted House)
 Die Kammer (The Chamber)
 Die Liste (The Last Juror)

Alle Berichte zu John Grisham

26. Februar 2010 Jugendbücher von John Grisham?

Der Anwalt (The Associate)

(Arrow 2009, 485 Seiten, 978-0-09-953699-4)

Durch und durch gelungener Anwalts-Thriller.

Kyle McAvoy hat Jura studiert und steht kurz vor seinem Abschluss. Er will eigentlich nicht in einer großen Kanzlei anfangen, obwohl er ein entsprechendes Angebot hat, wird aber mit einem fast vergessenen Vorfall aus der Studienzeit erpresst, dieses Stellenangebot doch anzunehmen. Er soll in dieser Kanzlei spionieren und Informationen über einen großen Fall beschaffen, mit dem sein Arbeitgeber betraut ist.

Wer sich beim Klappentext auf Grishams früheres Werk “The Firm” erinnert fühlt, liegt damit gar nicht so falsch. Die Parallelen zwischen den beiden Romanen sind schon deutlich, ohne dass es jetzt jedoch langweilig würde: Grisham gelingt es, Ideen zu recyclen und daraus eine Geschichte zu schreiben, der es nicht an Spannung und
guten Ideen fehlt.

Eine durchgehende und glaubwürdige Handlung, ein paar (und nicht zu viele) überzeugende Hauptpersonen und der flüssige Schreibstil des Autors sind die Zutaten, die “The Associate” zu einem Anwalts-Roman in gewohnter Grisham-Qualität machen.

Bei The Bookseller bin ich über eine interessante Neuigkeit des bekannten Thrillerautors John Grisham gestolpert: Nachdem sich Grisham mit Die Farm oder Das Fest schon häufiger von seinen klassischen Gerichtsthrillern entfernt hat, hat er mit dem Verlag Hodder & Stoughton nun einen Vertrag über zwei Familienromane abgeschlossen, die sich in erster Linie an 9 bis 12-Jährige richten sollen.

Dabei kann er sein Leib und Magen Thema jedoch nicht verleugnen, denn die beiden zusammenhängenden Romane – eine weitere Premiere für Grisham – begleiten den 13-jährigen Theodore Boone, der unfreiwillig in die Gerichtverhandlung eines Mordes verwickelt wird.

Der erste Band ist auf Englisch für den 10. Juni dieses Jahres angekündigt, Teil zwei steht dann im nächsten Jahr auf dem Programm.

(Quelle: Hodder signs “family” series by Grisham)

Der Richter (The Summons)

(Arrow 2003, 391 Seiten, 0-09-940613-6)

Ein "Grisham" der klassischen Sorte, allerdings recht einfallslos.

Reuben V. Atlee, früherer Richter in Clanton, Mississippi, weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat und ruft seine beiden Söhne zu sich, um seinen Nachlass zu regeln. Als sein Sohn Ray, Jura-Professor, ankommt, ist es schon zu spät – der alte Richter ist bereits tot. Auf der Suche nach einem Testament findet Ray kistenweise Geld im Haus des Richters – weit mehr Bargeld, als ein Richter auf legalem Wege jemals hätte ansammeln können.
Ray weiß nicht, was er mit dem Geld tun soll, und versteckt es erst einmal vor seinem Bruder Forrest, einem Alkoholiker. Doch irgendwer muss noch von dem Geld wissen und verfolgt Ray, als er es an verschiedenen Orten zu verstecken versucht.

The Summons ist nach A Painted House wieder ein “typischer” Grisham, wenn er auch nicht hauptsächlich im Gerichtssaal spielt. Die Idee der Handlung ist nicht schlecht, aber selbst auf den nur knapp 400 Seiten wirkt es an manchen Stellen langatmig. Im Vergleich zu Grishams ersten Büchern (Die Firma, Die Akte, Die Kammer), denen noch deutlich bessere Ideen zugrunde lagen, ist dieses Buch allenfalls mittelmäßig.

Die Liste (The Last Juror)

(Dell 2004, 486 Seiten, 0-440-29631-5)

Ein Gerichtsprozess und seine Folgen im Leben eines Journalisten.

Der junge Journalist Willie Traynor übernimmt 1971 die Wochenzeitung von Ford County, Mississippi – ein Blatt, dass für seine gut geschriebenen Nachrufe bekannt ist.
Während es anderswo Auseinandersetzungen um die Bürgerrechtsbewegung gibt, ist es in Ford County eher ruhig, jedenfalls bis zu einem brutalen Mord an einer jungen Mutter. Ein Verdächtiger ist schnell gefunden und wird vor Gericht gestellt: natürlich berichtet Willie in aller Ausführlichkeit über den Fall, das Urteil – schuldig – und die Strafe: “lebenslang”, was nach ein paar Jahren mit Freilassung endet.
Der Täter hatte beim Schlussplädoyer die Geschworenen bedroht, und nach seiner Freilassung scheint er diese Drohung wahrzumachen: einer nach dem anderen sterben die Juroren.

The Last Juror ist nach ähnlichem Strickmuster wie frühere Romane Grishams geschrieben, aber irgendwie doch ganz anders. Es geht zwar um ein Gerichtsverfahren, aber diesmal aus der Sicht eines Reporters geschrieben, und hier zudem aus der Ich-Perspektive.
Neben dem Gerichtsverfahren beschreibt Willie auch viele andere Episoden aus seinem Leben und seiner Arbeit als Journalist, was den Roman fast autobiographisch wirken lässt.
Mir hat der Roman sehr gut gefallen – er ist schön spannend geschrieben, und die Perspektive eines Herausgebers einer lokalen Zeitung fand ich sehr interessant zu lesen. Zudem erfährt man einiges über das damalige Denken und den Konflikt zwischen Schwarz und Weiß, den Grisham aus einem besonderen Blickwinkel beschreibt.

Die Kammer (The Chamber)

(Arrow 1997, 608 Seiten, 0-099-54421-0)

Insgesamt ein sehr interessantes und spannendes Buch, das ich etwa ab der Mitte nur noch mit mühe aus der Hand legen konnte.

Mississippi 1964: Zwei Mitglieder des Ku-Klux-Klan bombardieren das Büro des jüdischen Anwalts Marvin Kramer. Der Zeitzünder funktioniert jedoch erst zu spät – so werden Marvins fünfjährige Zwillinge getötet und Marvin schwer verletzt. Ein Verdächtiger wird schnell festgenommen und vor Gericht gestellt: Sam Cayhall. Doch weder in diesem Verfahren noch sechs Monate später werden sich die Geschworenen einig, und erst in einem dritten Verfahren 1981 wird Sam zum Tode in der Gaskammer verurteilt.
1990 feuert Sam seine Anwälte der Firma Kravitz “ne, da er sich nicht von jüdischen Anwäten vertreten lassen will. Doch dann taucht – bei Grisham nicht gerade ungewöhnlich – der junge Anwalt Adam Hall von ebendieser Firma auf, der ihn doch noch vor der Exekution retten will. Und er hat ein gutes Argument, warum Sam sich doch von ihm vertreten lassen soll: Adam ist Sams Enkel.
Während die Uhr langsam rückwärts tickt, kämpft Adam gegen die Mühlen des amerikanischen Justizsystems, um seinen Großvater aus dem Todestrakt zu befreien.

»The Chamber«ist nicht nur eines der spannendsten Bücher aus Grishams Feder, sondern behandelt auch noch ein interessantes und aktuelles Thema. Grisham zeigt hier das Pro und Contra der Todesstrafe und die Probleme bei der Argumentation für beide Seiten.
Der Leser sieht einerseits einen brutalen Mörder, der keine seiner rassistischen Taten bereut, aber andererseits auch einen alten Mann, der im Todestrakt sitzt und ohnehin nicht mehr lange zu leben hat.
Das Buch zeigt, wie widersprüchlich der Anspruch der USA als Hüter der Menschenrechte ist – in den einzelnen Staaten werden vollstreckte Todesurteile in den Wahlkampf eingebunden. Und die direkt betroffenen Staatsdiener sind eigentlich Gegner der Todesstrafe und machen nur ihre Arbeit. Grisham unterstreicht diese Unmenschlichkeit noch durch die detail-reiche Schilderung verschiedener Exekutionen.
Widersprüchlich ist aber auch die Position der Gegner: Menschenrechtsaktivisten und Klansmänner demonstrieren zwar nicht Seite an Seite, aber doch immerhin für dasselbe Ziel: Sam vor dem Tod in der Gaskammer zu retten.

Die Begnadigung (The Broker)

(Arrow 2005, 467 Seiten, 0-099-45716-4)

Sehr gut gelungener Grisham-Roman.

Joel Blackman war ein Mann mit besten Kontakten in Washington, der sich aber mit einem Geschäft übernommen hat – als er versucht, den geklauten Zugriff auf ein System von Spionage-Satelliten zu verkaufen, möchten ihn einige Leute lieber tot als lebendig sehen. Blackman kommt da die Verurteilung zu vielen Jahren Gefängnis recht gelegen, denn dort ist er zunächst sicher.

Jahre später erreicht die CIA, dass er begnadigt wird, verschafft ihm eine neue Identität und versteckt ihn in Italien: Der Plan ist, diese Information beizeiten an andere Geheimdienste durchsickern zu lassen und abzuwarten, wer Blackman schließlich liquidieren wird.

The Broker, der inzwischen achtzehnte Roman John Grishams, hat mir wieder einmal sehr gut gefallen. Zu Beginn springt der Autor zeitlich zwar etwas hin und her, sodass es eine Weile dauert, bis die Hintergründe klar werden, aber das behindert nicht wesentlich den Lesefluss.

Was sich anschließt, ist ein außerst spannender und sehr gut geschriebener Roman, wie man es von Grisham kennt. Er fesselt den Leser und schleift ihn in Gedanken mit durch die Straßen und Restaurants von Bologna – einer Stadt, die der Autor auch in einem Nachwort noch einmal begeistert lobt.

Wieder einmal macht Grisham Lust auf mehr.

Die Bruderschaft (The Brethren)

(Island Books 2000, 440 Seiten, 0-440-23667-3)

Wie bei Grisham üblich, lesenswert und von Anfang bis Ende spannend.

In einem Gefängnis in Nord-Florida sitzen drei frühere Richter ihre Haftstrafen ab. Die drei, im Gefängnis als »die Bruderschaft«bekannt, verhandeln dort kleine Streitereien unter den Gefangenen, und sind dafür recht hoch angesehen. Sie helfen auch ihren Mithäftlingen bei rechtlichen Fragen. Doch nebenbei betreiben sie mit ihrem Anwalt zusammen ein lukratives Geschäft: über Anzeigen in einschlägigen Magazinen bauen sie Brieffreundschaften zu homosexuellen Männernauf, um diese nach einiger Zeit mit deren Geheimnis zu erpressen.
Dabei geraten sie jedoch an den Falschen – oder gerade den Richtigen: Aaron Lake, den Mann, den CIA-Direktor Maynard zum nächsten Präsidenten der USA machen will. Die drei Richter wissen zunächst gar nichts von ihrem Fang, und Aaron hält diese Brieffreundschaft unter falschem Namen zu einem vermeintlichen Ricky zwar geheim, aber auch nicht für weiter wichtig. Doch als er sie schließlich beenden will, erfahren die drei Richter durch Zufall, wen sie da erwischt haben. Die CIA hat inzwischen auch Wind von Aarons geheimen Briefen bekommen und versucht nun fieberhaft, alles unter dem Tisch zu halten, um Aarons Wahlsieg nicht zu gefährden.

Im Vergleich zu früheren Werken von Grisham ist The Brethren eigentlich untypisch, es geht weder um einen Prozess noch spielt ein junger Anwalt die Hauptrolle. Dennoch ist dieses Buch – Grisham-typisch – hervorragend geschrieben. The Brethren besteht aus zwei hauptsächlichen Handlungssträngen, die jeweils für sich schon äußerst spannend sind: Einmal die Kriminalgeschichte um die Erpressungs-Masche der früheren Richter, auf der anderen Seite der Politthriller um den vom amerikanischen Geheimdienst organisierten Wahlkamp. Interessant ist dabei besonders, wie hier der Geheimdienst und sein Direktor dargestellt werden: als diejenigen, die unsichtbar im Hintergrund kräftig in der Politik mitmischen.