Eine Idee, die die Welt verbessern könnte, verpackt in [...]
Wir haben gerne die Wahl. Viele Möglichkeiten und unterschiedliche Varianten verschaffen uns die Illusion eines freien Willens, denn nur so können wir wirklich die Dinge finden, die unseren Interessen und Bedürfnissen am besten entsprechen. Doch die Forschungsergebnisse der letzten 30 Jahre sprechen hier eine andere Sprache. Das, was wir freien Willen nennen, ist allerdings wenig mehr als Wunschdenken (siehe dazu auch Denken hilft zwar, nützt aber nichts). Wir lassen uns von der Anordnung der Waren im Supermarkt beeinflussen, verpassen Zinsen, weil wir in die offensichtlich falschen Fonds investieren, und zerstören unsere Umwelt, ohne es zu merken und das nur aus einem Grund: Falsche Voreinstellungen.
Thaler und Sunstein argumentieren, dass wir Menschen stark dazu neigen, bei einmal getroffenen Entscheidungen zu bleiben und sie nur selten zu überdenken. So stellen sie am Beispiel des schwedischen und amerikanischen Rentenversicherungssystems, Organspendeausweisen und anderen Themen dar, wie geeignete Voreinstellungen in der Lage sind, uns zu besseren Entscheidungen zu helfen und unser Leben besser zu machen. Dabei plädieren sie nicht für eine Bevormundung und staatliche Planung, sondern für ein Konzept, das sie “libertärer Paternalismus” nennen. So sollen die Standardwerte und Auswahlmöglichkeiten auf der oberflächlichsten Ebene so beschaffen sein, dass sie es der Mehrheit der Menschen ermöglichen, gute Entscheidungen zu treffen, auch ohne sich in dem spezifischen Bereich besonders gut auszukennen. Für die, die tatsächlich selbstständig komplexe Entscheidungen treffen möchte, solle dies jedoch weiterhin so einfach wie möglich möglich sein. So könnten bei Rentenanlagen drei Fonds mit den Eigenschaften “konservativ”, “ausgeglichen” und “riskant” vorgegeben sein, aber gleichzeitig die Möglichkeit bestehen aus 500 Anlagemöglichkeiten eine eigene Kombination auszuwählen. Diejenigen, die überhaupt keine Entscheidung treffen wollen, könnte dann der “ausgeglichene” Fonds voreingestellt sein. Auf diese Weise bleibt jede Freiheit erhalten, denen, die nicht in der Lage oder Willens sind, eine eigene fundierte Entscheidung zu treffen, bestehen jedoch ebenfalls sinnvolle Auswahlmöglichkeiten.
Wie man vielleicht schon merkt, bin ich von nudge äußerst begeistert. Die Idee der beiden Autoren ist fundiert und überzeugend vorgebracht und spontan fällt mir kein Argument gegen ihren Vorschlag ein. Zudem schreiben sie unterhaltsam, wenn auch ab und an ein wenig trocken. Für den deutschen Leser ist es jedoch schade, dass sich die Beispiele der Autoren verständlicherweise auf die Vereinigten Staaten beziehen. So wird das Buch nach dem extrem spannenden ersten Teil etwas langweiliger, weil die Fallstudien nur illustrativen Charakter haben und sich nicht auf unseren Alltag beziehen. Es bleibt eine extrem gute und überzeugend vorgebrachte Idee, unser Leben besser zu machen.
Seit Kurzem stehen die Finalisten für den Deutschen Phantastik Preis 2010 fest. Unter den Nominierten finden sich natürlich auch bekannte Namen wie Frank Schätzing, Kai Meyer oder Markus Heitz.Von den nominierten Texten, kenne ich leider nur [t]Drood[/t] von [a]Dan Simmons[/a] (als Komplettlesung von Audible), das mich allerdings nicht so richtig überzeugen konnte. Daher an dieser Stelle keine Äußerung zu Favoriten oder eigenen Präferenzen, sondern einfach Glückwunsch an die Nominierten.
Etwas unübersichtliche Handlung in einer Welt, in der [...]
Drei Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, versuchen aus unterschiedlichen Perspektiven einen Kriminalfall zu lösen, der eigentlich nicht zu lösen ist. Denn er hat nicht in der realen Welt stattgefunden, sondern in einer virtuellen Spielwelt, von der das heutige World of Warcraft ein entfernter Vorgänger sein könnte: Eine Horde Orks ist in eine Bank eingedrungen und hat eine große Menge Gold und eingelagerter Gegenstände gestohlen. Nun liegt es an einem Programmierer, einer Polizistin und einer forensischen Wirtschaftsprüferin, den Raub aufzuklären und herauszufinden, warum der wichtigste Programmierer des Unternehmens, das diese Bank betreibt, verschwunden ist. Im Laufe der Zeit stoßen sie auf den chinesischen Geheimdienst, werden von einem ferngesteuerten Taxi entführt und geraten in einen virtuellen Krieg zwischen den Großmächten.
Wie schon in Glasshouse beschäftigt sich Charles Stross in diesem Roman mit einer Zukunft, in der Entwicklungen unserer Gegenwart weiterentwickelt und zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Diesmal sind es virtuelle Spiele, die die Welt immer mehr durchdringen. In ihnen haben sich komplexe Wirtschaftssysteme entwickelt, an denen unterschiedliche Unternehmen beteiligt sind. Wie sich schon heutzutage andeutet, spielen die virtuellen Spiele in Stross’ Zukunft auch wirtschaftlich eine gewaltige Rolle, sodass der virtuelle Bankraub nicht nur virtuelle Konsequenzen hat, sondern das Vertrauen in den Wirtschaftskreislauf der virtuellen Welt gefährden und damit ein zentrales Geschäftsmodell der Zukunft untergraben kann. Doch es geht um mehr als nur Geld, denn der Kampf der Großmächte um die weltweite Dominanz kann auch in der virtuellen Welt entschieden werden.
Halting State zeichnet sich in erster Linie durch die ungewöhnliche Perspektive aus, aus der Stross seine Geschichte schildert: So greift er den Stil der klassischen Text-Adventures auf und spricht den Leser direkt an – als wäre er die Hauptfigur. So steht beispielsweise am Anfang des ersten Kapitels der Satz: “You’re four hours into your shift” Nachdem man sich auf den ersten Seiten an diese Perspektive gewöhnt hat, wechselt Stross jedoch in jedem Kapitel zwischen den drei ermittelnden Hauptfiguren und zwingt den Leser dadurch, sich ständig mit einer neuen Figur zu identifizieren. Sorgt dieser Stil bei den eher kurzen Text-Adventure-Texten für viel Atmosphäre und kann den Leser in die Geschichte hineinziehen, wird er auf den 320 Seiten des Buches auf Dauer anstrengend.
Auch die Handlung ist Stross in meinen Augen ein wenig zu kompliziert und unübersichtlich geraten. Zwischen den ganzen virtuellen und realen Konflikten und Parteien ist mir irgendwann die Übersicht verloren gegangen, sodass ich auch die Auflösung des Rätsels nur teilweise nachvollziehen konnte. Wenn der Autor damit demonstrieren wollte, wir verwirrend die von ihm geschaffene Welt durch die Vermischung von Realität und virtueller Welt geworden ist, ist ihm dies eindrucksvoll gelungen, das Lesevergnügen wird dadurch jedoch leider deutlich getrübt. Mit seinen Ideen kann Stross jedoch wieder überzeugen. So konsequent wie er, können nur wenige heutige Entwicklungen weiterdenken und im Rahmen eines Buches schildern.
Auf der neuen Seite Bücher Challenges sammeln Steffi und Melli nicht nur Challenges, Stöckchen und Paraden zum Thema Bücher, sondern veranstalten auch selber welche. Zum Start gibt es gleich eine richtig große Challenge: In Der Geschichte auf der Spur stehen 12 Bücher aus 12 geschichtlichen Epochen auf dem Programm. Von der Frühzeit über das Mittelalter bis zur Zeitgeschichte ist alles dabei und darf ab Oktober gelesen werden. Ich werde mich auch daran beteiligen und euch auf dem Laufenden halten. Im August oder September wird es dann hier die Leseliste geben.
Unterhaltsame Schilderung der wichtigsten Experimente z [...]
Wir Menschen haben ein ziemlich positives Bild von uns selber: Wir glauben, dass wir wissen, was wir wollen, dass wir so Leben, wie es unseren Wünschen entspricht und das wir in der Lage sind, objektiv zwischen Vor- und Nachteilen unterschiedlicher Entscheidungsmöglichkeiten abzuwägen. Mit seinem Buch Denken hilft zwar, nützt aber nichts schickt sich Dan Ariely an, dieses Menschenbild zu erschüttern. Auf knapp 300 Seiten schildert er zahlreiche Mechanismen, die eben dafür sorgen, dass wir (objektiv gesehen) schlechte Entscheidungen treffen, uns von irrelevanten Kleinigkeiten beeinflussen lassen und ganz allgemein nicht sonderlich gut darin sind, unsere Entscheidungsmöglichkeiten einzuschätzen.
Dazu hat Ariely alle wichtigen Experimente, die zu diesem Thema in den letzten Jahren und Jahrzehnten durchgeführt worden sind, zusammengetragen. Er beschreibt sie locker und unterhaltsam und hat damit ein Sachbuch geschaffen, das sich entspannt und schnell durchlesen lässt. Leider macht Ariely in dem Buch nicht viel mehr, als eben diese Experimente locker und unterhaltsam darzustellen. So erfährt man als Leser zwar viel über unsere vorhersagbare Irrationalität, das Wissen bleibt aber irgendwie fragmentarisch und anekdotisch. Es fehlt ein übergeordneter Rahmen, mit dem der Autor diese Einzelerkenntnisse zusammenführen und strukturieren könnte. Und so fehlt für diejenigen, die sich schon etwas länger mit dem Thema beschäftigen, eine neue Idee oder kreative Herangehensweise.
Für alle, die sich in diesem Bereich nicht auskennen, bieten sich die folgenden Vorträge von Dan Ariely als Einstieg in dieses spannende Gebiet an:
Der Roman erweckt das Lübeck der Hansezeit zu prächti [...]
Nachdem ich letztes Jahr drei Wochen in Lübeck gewohnt habe, konnte ich mir dieses Buch, das die spannende Geschichte dieser Stadt zu neuem Leben erweckt, nicht entgehen lassen:
Zum Ende des 14. Jahrhunderts ist Lübeck eine der wichtigsten Städte Europas. Im Zentrum der Hanse treffen sich die Handelswege aus London, Brügge, Nowgorod und Visby. Rungholt ist ein angesehener Händler Lübecks, dessen Tochter Mirke bald mit dem ehemaligen Bürgermeister der Stadt verheiratet werden soll. Doch dann taucht ein Toter in der Trave (dem wichtigsten Fluss in Lübeck) auf und Daniel, Rungholts Lehrling und Mirkes Sandkastenfreund, wird verdächtigt, den Unbekannten im Streit nach einem Spiel erschlagen zu haben. Doch Rungholt ist von der Unschuld seines Lehrlings überzeugt und versucht herauszufinden, was in dieser Nacht tatsächlich geschah. Durch seine Ermittlungen löst er dabei nicht nur einen Brandanschlag, sondern auch weitere Morde aus.
Historische Romane stehen bei mir ja schon lange im Regal aber mit historischen Krimis habe ich bislang nicht allzu viel anfangen können. Mit Rungholts Ehre von Derek Meister hat das jetzt definitiv ein Ende gefunden, denn selten habe ich einen geschichtlichen Ort beim Lesen eines Buches dermaßen deutlich vor meinem inneren Auge gesehen. Meister schildert das lebendige und mächtige Lübeck der Hansezeit extrem glaubwürdig und plastisch. Das erreicht er unter anderem dadurch, dass er historisch korrekte Bezeichnungen verwendet und so finden sich die Figuren nicht in einer einfachen “Schreibkammer” wieder, sondern in einer “Dornse” – die Schreibstube in der Diele, die durch die Feuerstelle in der Küche mitgeheizt wird. Hat man die Begriffe einmal im Glossar nachgeschlagen, schaffen sie eine wunderbare Atmosphäre.
Auch die Figuren des Romans wissen zu überzeugen: Da sind Rungholt, der seine Tochter liebt, es ihr aber nicht zeigen kann, die junge Mirke, der von der nahenden Hochzeit graut und Daniel, der im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet. Voller Verzweiflung erleben sie, wie sich Stadt und Schicksal immer mehr gegen sie wenden.
Vor dem Hintergrund dieser dichten Atmosphäre diente die Krimihandlung für mich in erster Linie als Alibi, um den Leser durch die Stadt zu führen, obwohl sie geschickt und überraschen konstruiert ist. Dadurch, dass Meister sie an eine Verschwörung koppelt, die mit den Vitalienbrüdern (im Roman oft “Serovere” genannt) und dem Krieg zwischen Dänemark und Mecklenburg zusammenhängt, erfährt der Leser hier auch einiges über die größeren politischen Zusammenhänge.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die weiteren Bände um Rungholt meine Begeisterung halten können, weil ich nicht weiß, wie viel Neues Meister in den weiteren Romanen noch über Lübeck auspacken kann. Wenn es ihm aber gelingt, mich auch im zweiten und dritten Band weiter so positiv überraschen, kommt diese Reihe sicherlich in die Liste meiner All-Time-Favourites.
Ein herzlicher Dank geht an den Blanvalet-Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eindrucksvolles Portrait des Lebens in einem kleinen La [...]
Verena hat auf ihrem Bücherblog denEU Book Contest 2010 ausgerufen und da ich ja immer gerne Werbung für das kleine Land mache, in dem ich 2003/04 neun Monate studiert habe, habe ich mich sofort als Vertreter Litauens gemeldet. Und das ausgewählte Buch Placebo von Jurga Ivanauskaite bildet tatsächlich einen wunderbaren Einstieg in dieses spannende, eigenwillige und für Außenstehende manchmal auch merkwürdige Land, in dem die in silbernen Glitzerunterhosen auftretendenIn Culto zu den beliebtesen Bands gehören. Hier ist meine ausführliche Rezension:
Julija, vielbeachtete Wahrsagerin und Mitglied der Vilniusser High-Society, ist tot. Ihr Körper sitzt in einem Sessel und sie hat ein kleines Loch in der Schläfe. Neben dem Sessel liegt eine Pistole. Aber Julija fühlt sich nicht tot, sie sieht das Zimmer, ihre Wohnung und ihren Körper. Erst ganz langsam wird sie sich, mit Hilfe ihrer intelligenten Katze Bubasti, der Situation bewusst…
Unterdessen macht sich Julijas Freundin Rita auf die Suche nach dem Grund für Julijas Tod. Hat der Augenschein recht, der Selbstmord vermuten lässt, oder Ritas Gespür, dass sie nicht an einen Freitod glauben lässt?
Recht schnell wird dem Leser klar, dass der Showstar Maksas Vakaris und sein Bruder Tadas eine besondere Rolle in Julijas Leben und ihrem Tod einnehmen. Auch eine mysteriöse Organisation namens Placebo, die den Menschen den Individualismus austreiben und sie mit allen Mitteln der Macht der Wirtschaft unterwerfen will, scheint beteiligt zu sein.
Ich muss gestehen, dass ich Büchern aus oder über Litauen gegenüber (positiv) voreingenommen bin, aber ich denke, dass Jurga Ivanauskaite es geschafft hätte, mich unabhängig davon von ihrem Roman zu überzeugen. Den Eindruck, dass es sich bei Placebo um einen waschechten Krimi handeln könnte, zerstört sie bereits auf der ersten Seite. Dabei schafft sie es aber auch sofort etwas anderes, schwer greifbares an diese Stelle zu setzen – einen Einblick in die litauische Seele.
Sie nimmt mytholgische, biografische, geschichtliche und philosophische Versatzstücke und fügt diese zu einem Portrait des heutigen Litauens zusammen. Dabei bietet sie eindrucksvolle Einblicke in die litauische Kultur, die seltsame Mischung aus kirchlichem Glauben und Esoterik, die wechselhaften Lebensläufe vieler Litauer und in die enormen Umbrüche und Schwierigkeiten denen die 3,5 Mio. Menschen in dem kleinen Land an der Ostsee in den letzten 15 Jahren ausgesetzt waren.
Lediglich der abflauende Spannungsbogen der Rahmenhandlung hat meinen Eindruck von Placebo ein wenig getrübt.